Außenseiter haben immer ein schwieriges Leben. Die Gesellschaft schiebt sie an den Rand, grenzt sich von ihnen ab, weil sie anders sind, nonkonform, latent gefährlich für Ordnung, Besitzstand und Ideologie. Das ist in der Jugendkultur schon einmal kultiviert worden, als die Hippies zu Werbeträgern ganzer Branchen konvertiert wurden.
Wer auf Nummer Sicher gehen will, tourt vor seiner offiziellen Premiere durch die Lande, testet die Publikumsreaktionen und feilt hinterher an den Pointen. Einen hohen Aufmerksamkeitsfaktor erwirbt man sich überdies, indem man sein Gesicht beizeiten in Fernsehkameras hält. Genau das trifft auf Carolin Kebekus zu, deren Ruf als talentierte Nachwuchs-Komödiantin die Erwartungen in schwindelnde Höhen geschraubt hat.
Persönliche Fürwörter haben was für sich. Insbesondere wenn es im Theater um die Hauptpersonen eines Stückes geht. Zuerst geht es dafür im Februar nach Bochum, wo die „Parzival“-Version des Schweizer Theaterschreibers Lukas Bärfuß Premiere hat. Der hat den ollen Schinken fürs Theater in Hannover auf Vordermann gebracht. In Hagen kämpft Norbert Hilchenbach mit der Multikulti-Zweiakt-Oper „Gegen die Wand“ und Ulrich Greb in Moers mit der bösen „unsichtbaren Hand“, die alles steuert.
Als die Macher von RUHR.2010 im Dezember Bilanz zogen, war ihr Resumee bis auf die Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg positiv. Mehr als 10 Millionen Besucher, das Ruhrgebiet als Kulturraum, Kooperationen der Städte, Stärkung der Ruhrmetropolen-Identität waren die Stichworte. Doch was hat RUHR.2010 eigentlich einem Theater wie dem in Oberhausen und seinem Intendanten Peter Carp gebracht?
Ob diejenigen, die im gerade vergangenen Kulturhauptstadtjahr 2010 für gute Stimmung gesorgt haben, auch selbst etwas von dem Kuchen abbekommen haben, bleibt die große Frage. Doch wie wir sie kennen, die Kabarettisten und Comedians aus dem Pott: Sie werden‘s verschmerzen. So leicht bringt man die Menschen im Ruhrgebiet nämlich nicht um ihren Humor.
Ehemalige unter sich – selbst zehn Jahre nach dem Abitur haben sich die alten Schulrituale erhalten. Das pubertäre Begrüßungsritual zweier Jungs; das Wer-sitzt-neben-Wem der Mädchen. Hinzugekommen sind die Polster an all den Problemzonen des Erwachsenseins. Fast sichtbar wachsen den sechs Schauspielern im Bochumer Theater unten die fleischfarbenen Ungetüme an Hüfte, Bauch und Po und machen die verstreichenden Jahrzehnte kenntlich.
Doch die Problemzonen, die Jan Neumanns neues Stück „Hochstapeln“ schildert, liegen woanders.
Die große Bühne des Schauspielhauses wird zum Ort eines der letzten Dortmunder Grubenunglücke, der Bühnenturm zum Schacht, in dem sich die Grubenwehr abseilt. Die Suche nach Überlebenden führt in die Tiefe der Zeit und zu Verschütteten, zu wahren und erfundenen Geschichten. Dortmunder Bürger und Schauspieler gehen auf Spurensuche...
Hinein ins neue Jahr 2011, das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen mit den Marginalien der Kultur. Dennoch dürfen im Ruhrgebiet die reichlich abgesessenen Theatersessel nicht leer bleiben, brauchen sie auch nicht. Die interessanten Inszenierungen der Möchtegern-Metropole gehen einfach weiter: In Essen finden wir uns bereits im Januar im Jahr 2525 wieder (kein Zufall: Das war 1969 ein böser Zager- und Evans-Hit). Warum erklärt die Rückblick-Story: Das Grillo-Theater und seine Umgebung wurden nämlich im Januar 2011 komplett zerstört.
Mit „Sad Songs“ geht’s ins neue Jahr. Beileibe kein Omen. Der Start in Essen war erfolgreich. Wenn auch die Fusion mit dem Theater Oberhausen erst einmal vom Tisch ist, wenn auch die wirtschaftliche Lage der Kommunen sich zu bessern scheint, leicht ist die Aufgabe von Christian Tombeil, dem eher stillen Arbeiter im Hintergrund, nicht.
Das Heim ist eine spiegelblanke Fläche. Henrik Ibsens Nora bewegt sich anmutig darauf. Wie ein kleines Kind geistert die dreifache Mutter im Pup - pen-Tutu tanzend übers Eis, nur ein stilisierter Weihnachtbaum ist ihre Bühnendeko. Am Heiligen Abend locken Geschenke für alle, Noras Mann ist schließlich befördert worden. Alles ist leicht, die Symphonie des Grauens kann beginnen.

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