Das Grauen hat die Welt nie verlassen. Nur die Regionen, in denen es wütet, ändern sich von Generation zu Generation. Macht über Menschen und Besitz treibt die an, die sich des Grauens bedienen. In besonders verstörender Weise nahm das Grauen eins in Deutschland einst seinen Lauf: Ein ganzes Volk erlag dem Wahn, anderen überlegen zu sein. Das Ergebnis kennen wir – oder besser: sollten wir alle kennen. Das Junge Schauspiel am Düsseldorfer Schauspielhaus zeigt Anfang April die Uraufführung von „Blindekuh mit dem Tod“. Zu sehen und zu hören sind da Erinnerungen von vier Kindern, die den Holocaust überlebt haben. Das Stück basiert auf Anna Yamchuks Graphic Novel, die das Museum für jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina in Czernowitz in der heutigen Ukraine – zunächst in Landessprache – herausgegeben hat. Seitdem wird die Graphic Novel dort in der Jugendbildung genutzt.
Miriam Taylor, Josyf Bursuk, Josyf Elgiser und Herbert Rubinstein, heute Mitglied der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, erinnern sich im Stück an ihr junges Leben vor dem Grauen und die schöne Stadt Czernowitz, die als „Jerusalem am Pruth“ bekannt war und mit über 50 Prozent jüdischer Bevölkerung im Jahr 1942 ein Zentrum jüdischer Kultur war. Ausgehend von dieser behüteten Kindheit erzählen sie vom schweren Leben während der NS-Zeit und der Befreiung durch die Rote Armee. Ihre Zuhörer auf der Bühne sind zwei ukrainische Jugendliche, Erika und Alexander, die das Jüdische Museum besuchen und dort in fünf chronologisch aufgebauten Szenen neben den Erinnerungen der vier jüdischen Kinder auch viel über den Alltag und die Gebräuche der jüdischen Gemeinde erfahren. In der Graphic Novel besuchen die zwei auch die realen Schauplätze, die im Leben der Überlebenden einst eine wichtige Rolle gespielt haben – wie die Häuser im ehemaligen Ghetto, die dort jeweils auch die Kapitel einläuten. Robert Gerloff inszeniert in Düsseldorf die lehrreiche Bildergeschichte für Kinder. Für die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel ist „Blindekuh mit dem Tod“ seit 2023 sogar ein Leuchtturmprojekt für die Erinnerungsarbeit an Schulen. Zu Recht.
Blindekuh mit dem Tod | 1. (Voraufführung), 6. (UA), 7., 26., 29., 30.4. | Schauspielhaus Düsseldorf | www.dhaus.de
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