Wer nichts hat, der ist auch nichts. Früher wurden die alle, die nichts wurden, wenigstens noch Wirte, aber diese Zeiten sind ja angesichts von gespenstischer Hörigkeit gegenüber den Sozialen Medien vorbei – und alle können ja nicht Werbefritzen werden, neudeutsch Influencer.
Auch Cathy möchte im Stück „Söhne“ der französisch-vietnamesischen Autorin Marine Bachelot Nguyen etwas mehr. Die Apothekerin in einer französischen Kleinstadt hat Familie und geht sonntags in die katholische Kirche, möchte aber den bescheidenen Verhältnissen entfliehen. Als sie sich darüber echauffiert, dass im Theater ein Jesus-Porträt mit Dreck beworfen wird, schafft sie es in die gehobenen Zirkel der Stadt. Es folgt nicht nur ein religiöses Update, es folgen neuer Anschein, neue Freundinnen – und so schlimm ist der Front National ja auch nicht. Also legt Cathy los, gegen alles, was die Beständigkeit ihrer kleingeistigen Welt bedroht:Homosexualität, die Ehe für alle und – als gute Katholikin – natürlich auch Abtreibung. Jetzt wird sie endlich wahrgenommen – dassesimmer rechtsradikaler wird, übersieht siegeflissentlich. Genauso den Umstand, dass ihr politisches Engagement die Familie zerreißt. Der eine Sohn folgt ihr auf dem rechtsextremen Pfad, der andere möchte gerne seine Homosexualität ausleben. Letzterer sieht sich jetzt natürlich gezwungen, das ausgerechnet vor seiner Familie zu verbergen. Erst spät erkennt Cathy, was sie angerichtet hat.
Marine Bachelot Nguyen wirft in dem Stück, das auf Recherchen und Interviews beruht, mit dem Blick in eine eigentlich normale Familie und der Protagonistin, die sich nach sozialem Aufstieg sehnt, auch einen schonungslosen Blick auf unsere gesellschaftliche Realität, in der sich nicht nur rechtskonservative Kräfte immer weiter zu alten nationalen Mustern radikalisieren, sondern auch große Teile der Bevölkerung, die anscheinend mit ihrer scheinbar unbedeutendenRolle in der Gesellschaft nicht mehr zufrieden sind. Lynn T Musiol, die auch als Kunstschaffende und Autor:in arbeitet, inszeniert das Stück als Monolog in der kleinen intimenTheaterkapelle in Moers, besetzt mit der luxemburgischen Performerin Catherine Elsen, die an der Schnittstelle von Theater, Bewegung und Musik arbeitet.
Söhne | 13. (P), 19., 21.12., 9., 18., 23., 25., 31.1., 6., 8., 13., 14.2. | Kapelle, Moers | 02841 883 41 10
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