Ein Blick aus dem Fenster meiner Schreibstube offenbart: Es ist immer noch Winter. Auf den gefrorenen Feldern glänzt die Sonne, schmutziger Schnee liegt an den Rändern der Wege. Nur selten sind in dieser Landschaft Tiere oder gar Menschen zu beobachten, wie sie durch die Kälte eilen – die einen in den wärmeren Wald, die anderen an den warmen Ofen.
Wanderer im Schnee – da war doch was? Ja, genau, die „Winterreise“ von Elfriede Jelinek. In der wandert ein für die Autorin typisches Ich durch Franz Schuberts Liederzyklus nach Gedichten des jung verstorbenen Lyrikers Wilhelm Müller (1794-1827), immer auf der Suche nach Sinn und Wahrhaftigkeit in einer Welt, die wohl nicht ihre ist. Das für Jelinek ungewöhnlich autobiografische Stück wurde bei den Mülheimer Theatertagen 2011 mit dem Dramatikerpreis ausgezeichnet. Auf rund 120 Seiten geht es um Einsamkeit, das Fremdsein in der kapitalistischen Welt und die daraus resultierende innere Emigration. Ein Thema, das seit der Uraufführung an den Münchner Kammerspielen (Regie Johan Simons) quasi zeitlos wurde und geblieben ist.
„Wir sind da, indem es uns fortzieht. Indem es uns woanders hinzieht, sind wir sogar ganz besonders da“, so wird die Nobelpreisträgerin Jelinek in der Ankündigung des Dortmunder Schauspielhauses zitiert. In ihrer „Winterreise“ setzt sie sich mit sich selbst und der Gesellschaft auseinander. Wie fast immer bei Jelinek kommt das Stück ohne eine feste Handlung aus. Unter der Regie von Zino Wey reist in Dortmund ein Ensemble aus nicht hörenden und hörenden Künstler:innen durch die unwirtliche Welt, mithilfe von Lautsprache, Gebärdensprachkunst, Bewegung, Musik und visuellen Mitteln. Ob an den Abenden auch noch etwas von der verzweifelten Suche des Schubertschen Wanderers nach einem richtigen Weg durch die weiße Öde zu erkennen ist, bleibt natürlich abzuwarten. Einen richtigen Weg in der angegriffenen Demokratie wenigstens zu suchen, wäre schon ein Erlebnis.
Winterreise | 6. (P), 28., 29.3. u.w.T. | Schauspielhaus Dortmund | 0231 502 72 22
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