Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen schon Wirklichkeit sein. Und eins ist sicher: Die von Kim Langner entwickelte Neuinterpretation von George Orwells bekannter Dystopie „1984“ ist kein Märchen von übermorgen. Denn alles begibt sich bereits in einer nahen Zukunft, in der die bösen Bots langsam die Oberhand gewinnen und unbemerkt ein Schattenreich im Internet errichten. Langsam, ganz langsam reißen sie die Macht an sich, bis in Ozeanien (bei Orwell ist das die halbe Welt) nicht mehr der Mensch regiert, sondern der üble Solon. Zwar ist er nur eine hochentwickelte Künstliche Intelligenz, aber als patriarchaler Diktator kontrolliert er im Staat alles: von der Arbeit über die Freizeitgestaltung bis hin zur Familienplanung der Menschen, die ihn einst zusammengebastelt haben. Doch schon sein Name ist eigentlich eine Aneignung, denn Solon war einst bei den alten Griechen ein echter Staatsmann und Verfechter der (noch unausgereiften) Demokratie. Bekämpft wird der üble Solon nur noch von Eurasiern, deren Beweggründe erst die Uraufführung des Stücks am Düsseldorfer Central 1 verrät.
Das Junge Schauspiel und die Regisseurin Katharina Birch erzählen für alle ab 12 Jahren von einer Welt, in der eine unumkehrbare Entwicklung stattgefunden hat: Die Technologie dient nicht mehr dem Menschen, sondern der Diktatur. Der Plot: In Ozeanien lebt Winston – bei Orwell ist er ein kleiner Geschichtsfälscher, hier einer der letzten menschlichen Programmierer, die noch direkt mit dem Computersystem arbeiten dürfen. Winston macht nach einer Attacke des feindlichen Eurasiens eine Entdeckung und sich danach so seine Gedanken. Irgendetwas in der totalitären Perfektion scheint nicht perfekt zu sein. Er begibt sich aufgewühlt auf die Fehlersuche. Bleibt nur die schwache Hoffnung, dass solche Dystopien nicht real werden.
1984 – Dystopie 2.0 | 14. (Voraufführung), 15. (UA), 17., 18., 19., 20.5., 15., 16., 28., 29., 30.6. | Central 1, D‘Haus | dhaus.de
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