Die Oper für Kinder ab acht Jahren basiert auf einem Roman der englischen Kinderbuchautorin Edith Nesbit und handelt von der Kraft der Fantasie. Die Uraufführung findet Ende Mai statt.
trailer: Herr Penderbayne, worum geht es in der Oper?
Samuel Penderbayne: Es ist die Geschichte einer Patchworkfamilie. Philip ist mit seiner Mutter Helen aufgewachsen und sie ist seine ganze Welt. Aber dann lernt Helen einen neuen Mann kennen. Ihr elfjähriger Sohn hat auf einmal einen neuen Vater, eine Schwester und wohnt in einem anderen Haus. Auch wenn er merkt, wie glücklich es seine Mama macht, wird es ihm zu viel und er zieht sich mit seinen Spielsachen, die ihn an sein altes Zuhause erinnern, in sein Zimmer zurück, baut sich eine Stadt und schläft darin ein. Als er aufwacht, ist er in der Stadt gefangen. Er muss einen Ausweg suchen – und das steht dann stellvertretend für den psychischen Prozess, den er durchmacht, um sein neues Leben zu akzeptieren.
Geht die Geschichte gut aus?
Ja, es gibt ein Happy End. Ein Stück der Hoffnung, gemacht mit Verstand und gutem Geschmack.
Für welche Besetzung schreiben Sie?
Die Oper ist konzipiert für großes Orchester und Chor, acht Solisten, zusätzlich einSchauspieler. Ich habe den Spaß sehr ernst genommen in dem Stück. Das klingt wie ein Widerspruch, aber Spaß und Spiel sind für Kinder seriös. Sie brauchen das Spiel, um die Menschen und ihre Welt zu verstehen. Die Figuren sind Spielzeuge, aber es geht um Erkenntnis und Verständnis.
Das klingt nach einer Entwicklungsgeschichte: Das Kind ist nach diesem Traum ein anderer Mensch als vorher.
Absolut. Es ist auch die Geschichte der Versöhnung mit einer neuen Situation und mit seinen eigenen Emotionen. Der Weg führt von der Verneinung zur Bejahung. Eine wichtige Szene ist ein Quintett, in dem fünf Menschen eher dissonant aus ihren Perspektiven „Nein“ sagen. Das endet in einem eher konsonanten „Ja“. Wir schildern den Weg aus der behüteten Zweisamkeit mit der Mutter durch die Verneinung der Veränderung hinein in ein offeneres und dynamisches Familienleben.
Mit welchen musikalischen Formen arbeiten Sie?
Ich habe mich sehr ausgetobt in verschiedenen Genres, die für mich eine semantische Bedeutung haben in dem Stück. Ich bin ein Kind der digitalen Welt, habe auf YouTube und Spotify vieles durchgeklickt und sozusagen eine universale Musik durchgehört. Vieles ist neoromantisch, denn ich bin ein Fan der romantischen Operntradition, die meine erste große musikalische Liebe war. Ich bin ein Fan von Puccini und Verdi, natürlich auch von Mozart und Wagner und von zeitgenössischer Musik. Aber da Musik viel mit emotionalen Zuständen zu tun hat, schreibe ich eine Musik, die Emotion in sich trägt. Das trifft nicht unbedingt auf zeitgenössische Musik zu, die sich auf Klangforschung und -experimente fokussiert. Der Charakter der Geschichte als Fabel fordert – vielleicht wie bei Maurice Ravel – eine Art Impressionismus. Die Welt, in die das Kind einsteigt, ist nicht real, sie ist ein Traum. Dafür finde ich eine impressionistische Klangwelt. Die Spielzeugfiguren selbst sind aber in sich geschlossen: Für sie habe ich assoziativ verschiedene Genres benutzt. Für die Piraten zum Beispiel verwende ich ein berühmtes irisches Shanty – da kann das Publikum auch mitsingen. Die Königin hat eine Art neobarocke Hofmusik, aber mit einer Blues-Tonleiter wie bei Janis Joplin, der Drache eine gefährlich rhythmisch treibende Musik wie in der Harry-Potter-Fimmusik.
Ist es für Sie als Komponist einschränkend, für ein junges Publikum zu schreiben, oder finden Sie darin eine kreative Erweiterung?
Ich habe es mir selbst ausgesucht! Kinder sind sehr ehrlich und ich liebe es, wie unverstellt sie reagieren. Sie täuschen nicht vor, dass ihnen etwas gefällt. Für mich sind sie deswegen wie eine Kontrollgruppe in einem Labor. Als ich 2012 nach Deutschland kam, hatte ich manchmal den Eindruck, Oper für junges Publikum sei stiefmütterlich behandelt. Das hat sich aber größtenteils verändert und man entdeckt das kreative Potenzial davon, weil Kinder so anders und so unvoreingenommen über Musik denken.
Letzte Frage: Woher kommen Sie musikalisch? Wo fühlen Sie ihre Wurzeln?
Ich glaube, meinen ersten Aha-Moment hat mir Leonard Bernstein gegeben, als ich „West Side Story“ gehört habe. Ich bin in Australien aufgewachsen und in meiner Heimatstadt hat es kein Opernhaus oder professionelles Orchester gegeben. Also habe ich den Film online gesehen. Ich liebe Musical, habe selbst im Musical gesungen, aber das war für mich eine neue Perspektive: So groß kann Musiktheater sein! So habe ich Oper entdeckt. Und ich habe mich gefragt: Warum gibt es nicht fünfzig andere Bernsteins, die diese klassische Tradition mit modernen populären Musikgenres verbinden? Das wird in der zeitgenössischen Musik oft mit ironischer Distanz gemacht, wenn überhaupt. Bernstein ist einer der wenigen, der popkulturelle Genres ernsthaft mit klassischer Tradition verbunden hat.
Ihre erste „klassische“ Oper war …?
Ja, ich glaube, Puccinis „Tosca“, das hat mich komplett umgehauen. Und nicht lange danach kam Verdis „La Traviata“. Das sind Gefühle, die ich sonst nirgendwo bekomme.
Die verzauberte Stadt | 31.5. (P), 4., 9., 10., 21., 30.6., 1., 4.7. | Aalto-Theater Essen | 0201 812 22 00
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