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Merle Fahrholz
Foto: Karl Forster

„Wir werden neue Lieblingsstücke finden“

27. Juni 2023

Intendantin Merle Fahrholz (TUP Essen) rückt das Schaffen von Komponistinnen ins Blickfeld – Interview 07/23

Im Januar 2024 richten Premieren am Aalto-Theater Essen und an der Oper Dortmund den Blick auf das Schaffen von zwei vergessenen Komponistinnen:Louise Bertin (1805-1877) und Augusta Holmès (1847-1903). Merle Fahrholz, Intendantin des Aalto-Theaters und der Essener Philharmoniker, spricht im Interview über das neue Interesse am Schaffen von Komponistinnen und über ihr Vorhaben, als Intendantin einen Frauen-Schwerpunkt zu setzen.

trailer: Frau Fahrholz, so, wie ich Musikgeschichte noch kenne, sind komponierende Frauen höchstens als Fußnoten zu Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann vorgekommen. Sind Komponistinnen inzwischen ein Thema – abseits zeitgenössischer Musik?

Merle Fahrholz: So war es früher tatsächlich, deswegen freue ich mich über das große Interesse in der Forschung. Das Thema ist inzwischen komplett anders angekommen als noch vor wenigen Jahren. Für das Komponistinnenfestival „her:voice“ im Mai 2024 arbeitet das Aalto-Musiktheater zum Beispiel mit der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien zusammen. Es soll das musikalische Schaffen von Frauen in Vergangenheit und Gegenwart sichtbar machen.

Hat man das Interesse an der Musik der Komponistinnen neu entdeckt oder kam der Anstoß eher aus der Gender-Forschung?

Sicherlich ist beides der Fall. Aber wir haben seit einigen Jahrzehnten ein größeres Interesse an Werken außerhalb des ständig wiederholten Repertoires, das sich nun auf Komponistinnen ausgeweitet hat.

Hatten Sie ein Schlüsselerlebnis? Sind Sie auf ein Werk gestoßen, das Sie dazu gebracht hat, Ihr Interesse weiterzuentwickeln?

Ein Anstoß ging für mich von „La Montagne Noire“ aus, eine Oper der französischen Komponistin Augusta Holmès aus dem Jahr 1895, die am 13. Januar 2024 in Dortmund ihre deutsche Erstaufführung erlebt. Michinteressiert das Umfeld dieser komponierenden Frauen, etwa auch bei Louise Bertin, von der wir in Essen am 27. Januar 2024 eine Faust-Oper inszenieren werden. Dazu stellen sich interessante Fragen: Wie kam es dazu, dass sie als eine der wenigen Komponistinnen die Chance bekam, ihre Werke an den großen Pariser Häusern aufzuführen? Wie wurde reagiert und wieso sind diese Werke dann einfach verschwunden?

Wieso sind diese Werke einfach verschwunden?“

Diese Musik ist so gut, dass sie mit den Opern des Repertoires konkurrieren kann?

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Werke als Kunstwerke sehen müssen, unabhängig davon, wer sie komponiert hat, ob Frau oder Mann. Unabhängig davon sind für uns auch Fragen interessant wie: Welche Ausbildungschancen hatten Frauen? Wurden ihre Werke überhaupt von Verlegern akzeptiert, wenn sie sich nicht ein männliches Pseudonym zulegten und viel Geld in der Hinterhand hatten? Welche Möglichkeiten hatten Frauen, ihre Werke auf einer Bühne aufzuführen? Die Auswirkungen spüren wir bis heute: Warum ist es etwa so schwierig, an diese Stücke heranzukommen? Dieser Kontext stellt in der Annäherung an Kunstwerke alte Fragen wieder neu, etwa nach den Produktionsbedingungen, die über Komponistinnen weit hinausgehen. Die Einbettung von Musik in ein kulturelles, aber auch sozio-ökonomisches Umfeld ermöglicht einen neuen Blick auf Werke.

Es ist überraschend, wie viele Frauen in der Romantik Opern komponierten – abgesehen von den komponierenden adeligen Damen der Zeit vorher und den Komponistinnen des 20. Jahrhunderts im Zeichen eines emanzipatorischen Aufbruchs. Was waren im 19. Jahrhundert für diese Frauen die Produktionsbedingungen?

Diese Hintergründe sind von Land zu Land unterschiedlich. Mir scheint, dass gerade in Frankreich in dieser Zeit die Frauen verhältnismäßig frei aus sich herausgehen und viel komponieren konnten. Das ist später wieder gekippt: Mit dem Krieg 1870/71 hat sich für Frauen vieles zerschlagen. Die ‚männliche Stärke‘ wurde wieder hervorgehoben. Aber zwischen der Revolution 1830 und 1870 war eine Zeit ganz anderer Freiheiten und Möglichkeiten für Frauen, die auch als Geschlecht anders wahrgenommen wurden.

Bertin nimmt sich Freiheit gegenüber Goethes Stoff“

Da kommen wir zu Louise Bertin, die sie in der kommenden Spielzeit zur Bühnenehre bringen, und das mit einem anspruchsvollen Stoff, zu dem es einige Opern-Konkurrenz gibt, nämlich „Fausto“. Was macht diese Oper aus?

„Faust“ ist ein Titel, der in Deutschland in eigener Weise rezipiert wird. Wie geht eine Frau 1831 mit dem Stoff um, ohne die viel später entstandenen großen französischen Faust-Vertonungen von Berlioz und Gounod zu kennen? Wie schreibt sie sich selbst das Libretto? „Fausto“ ist in italienischer Sprache für das italienische Theater komponiert, und die Komponistin nimmt sich Freiheit gegenüber Goethes Stoff, die ich spannend finde. Sie zielt auf die Figur der Margarita ab, auf die Motive der Beziehung zu dem älteren Mann. Der „faustische“ Pakt mit Mephisto tritt dagegen zurück. Die menschliche Seite dieser Liebe wird hervorgehoben. Bertin interessiert das reale Miteinander der Menschen.

Wie charakterisieren Sie die Musik?

In der Musik merkt man die wichtigen Strömungen des frühen 19. Jahrhunderts. Für unsere Ohren geht sie in Richtung Beethoven einerseits und Belcanto andererseits. Bertin hat sich intensiv mit allen Stilen auseinandergesetzt, auch mit Rossini, mit dem sie bekannt war. Musikalische Einflüsse aus Deutschland, Italien und Frankreich kommen zusammen.

Wir haben nicht einmal begonnen, den Kosmos zu entdecken“

Rhetorische Frage: Sind Sie überzeugt davon, dass dieses Werk ein heutiges Publikum bühnenwirksam anspricht?

Sonst hätten wir es nicht auf den Spielplan gesetzt. Wir sind im Theater kein Museum. Es ist nicht unsere Aufgabe, tote Partituren einfach nur um des Spielens willen zu realisieren. Wir haben Stücke zu finden, die den Menschen etwas zu sagen haben. „Faust“ ist per se ein solcher Stoff, und ich finde es spannend, dass die beiden neuen Intendantinnen des Essener Schauspiels ebenfalls diesen Stoff in ihren ersten Spielplan aufgenommen haben. Beides sind zudem Bearbeitungen von Frauen – aus unterschiedlichen Jahrhunderten. „Faust“ ist heute noch ein Stoff der präsent und brisant ist!

Sie haben bei ihrer Vorstellung als neue Intendantin des Aalto-Musiktheaters und der Essener Philharmoniker angekündigt, dass es einen Frauen-Schwerpunkt geben wird. In welche Richtung wird er nach diesem Auftakt weiterentwickelt?

Für einen auf eine oder zwei Komponistinnen fokussierten Schwerpunkt ist es noch zu früh. Wir haben ja noch nicht einmal begonnen, den ganzen Kosmos zu entdecken. Daher möchte ich verschiedeneTupfer setzen, jetzt mit französischer Oper des 19. Jahrhunderts und im sinfonischen Bereich amerikanische Komponistinnen. Wir werden auch noch eine Liedmatinee mit Liedern von Louise Bertin haben. In der übernächsten Spielzeit wird es eine Oper aus dem 21. Jahrhundert als deutsche Erstaufführung geben. Mit dem Orchester gehen wir dann eher ins frühere 19. Jahrhundert und widmen uns der englischen Musik, während die Philharmonie mit einem barocken Schwerpunkt im Gespräch ist. Es gibt sehr viele spannende Opern von Komponistinnen heute, aber ebenso noch viele, die nicht aus den Schatztruhen gehoben und gesichtet wurden, und ich sehe beides als Aufgabe. Ich bin sicher: Wir werden neue Lieblingsstücke dabei finden! 

Fausto | 14.1.24 (Einführungsmatinee), 27.1.24 (P) | Aalto-Theater Essen | 0201 812 22 00 | La Montagne Noire | 4.1.24 (Öffentl. Probe), 13.1.24 (P) | Oper Dortmund | 0231 502 72 22

Werner Häußner

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