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Olaf Kröck
Foto: Sofia Brandes

„Kunst kann helfen, auf die Welt zu reagieren“

30. April 2026

Intendant Olaf Kröck über die Ruhrfestspiele Recklinghausen 2026 – Premiere 05/26

trailer: Herr Kröck, das diesjährige Programm heißt „Erschrecken und Erstaunen“. Wieviel Schrecken steckt darin?

Olaf Kröck: Wir haben eine Arbeit aus dem Iran eingeladen. Mich erschreckt sehr, was die Menschen dort im Augenblick erleiden müssen. Eine so dramatische Entwicklung haben wir uns nicht vorstellen könne, als wir die Produktion eingeladen haben. Als wir zum ersten Mal mit den Kolleg:innen der Shieveh Theater Company in Teheran gesprochen haben, war die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung gerade auf dem Höhepunkt. Und wir dachten, dramatischer könnte es nicht werden. Da lagen wir leider falsch. Jetzt, Mitte April, wissen wir immer noch nicht ob es gelingt, die Künstler:innen hierher zu holen. Die Theateradaption des Erfolgsromans „Trophäe“ vonGaea Schoeters verhandelt auch einen sehr erschreckenden Gedanken: Was, wenn ein Mensch einen Menschen als Trophäe jagt? Wie eine jüngst veröffentlichte Recherche dokumentiert, soll es während des Bosnienkrieges tatsächlich eine Art Jagd-Tourismus gegeben haben. Das ist zutiefst erschreckend und einfach abstoßend.

Die großartige persische Produktion „Das Kind“ läuft schon länger. Kann es sein, dass Theater immer nur die Symptome erklärt, aber nie die Ursache?

Ich glaube, das Theater erklärt seit über 3.000 Jahren, also seit den griechischen Tragödien, Ursachen für Konflikte, für Leid und Schuld. Aber die Frage ist: Was haben wir als Menschheit aus den Analysen gemacht? Heute haben wir beispielsweise den Klimawandel vollständig wissenschaftlich belegt und erklärt, aber die Maßnahmen, die ergriffen werden, sind nicht annähernd ausreichend. Diese Menschheitsaufgabe wird denunziert, ideologisiert, und zwischen politischen Strömungen aufgerieben. Ähnlich verhält es sich mit totalitären, antidemokratischen Tendenzen. Wir sollten doch hierzulande wirklich unsere Lektionen gelernt haben. Stattdessen erleben wir weltweit einen Zuwachs demokratiefeindlicher Bewegungen. Und wir sind hier nicht dagegen immun. Das Theater hat seit seinen Anfängen die Verhältnisse von Macht, Gewalt, Schuld ausgelotet. „Das Kind“ ist ein tolles Beispiel dafür, wie genau das Theater zeigt, was die weltpolitschen Großkrisen für das Leben Einzelner bedeuten.

Die Eröffnungsinszenierung ist das Stück „Huang Yi & Kuka“ des taiwanesischen Choreografen Huang Yi. Ein poetischer Dialog mit einem Industrieroboter. Industriearbeiter im Ruhrgebiet könnten das nicht so toll finden, oder?

Aber das ist genau der Punkt: Huang Yi gelingt es, uns die Schönheit der Maschine zu zeigen. Er zeigt in seinem Tanz mit dem Industrie-Roboterarm Kuka Leichtigkeit und Magie. Und gleichzeitig entsteht eine unheimliche Vermenschlichung der Maschine. Kuka scheint lebendig und wir vergessen, dass dies eine programmierte Maschine ist. Das Erstaunen über die Schönheit, die Feinheit, Eleganz und die Zartheit zwischen Roboterarm und Mensch bricht in dem Moment, wenn dem Gerät ein Laserkopf aufgesetzt wird und plötzlich ein scharfer Sichtstrahl den Raum durchschneidet. Spätestens da denkt man, dass das jetzt auch eine Waffe sein könnte, die auf mich gerichtet ist. Aber natürlich ist auch die Power dieser Maschine erkennbar, die dem Menschen weit überlegen ist. Das Schöne an dieser Theaterarbeit ist, dass Huang Yi eigentlich ein positives Angebot für die technologische Weltveränderung macht, aber auch deutlich macht, dass uns die Aufgabe auferlegt ist, zu fragen, wie es gelingt, dass Mensch und Maschine gut und nach ethischen Standards miteinander interagieren. Diese Frage müssen Menschen beantworten, nicht Maschinen.

Das Programm hat durchaus eine konkrete politische Struktur. Hat es das Ruhrfestspiel-Genre „Zwischenräume“ dadurch vielleicht schwerer?

Ganz im Gegenteil. Kunst kann uns helfen, auf die verrückte Welt heute zu reagieren. Vor allem emotional. Denn die Dinge bleiben kompliziert. Wir sehen ja gerade ziemlich deutlich: Mit Bomben kann man nicht unbedingt einen Wandel erzwingen. Zu einem freien, friedlichen Leben gehört kulturelle Vielfalt. Die hat immer unscharfe Übergänge und Zwischenräume.

Warum durfte Wolfram Koch in die Antarktis zur Neumeyer-Station und ich nicht?

Ganz einfach: Weil er ein Stipendium des Alfred-Wegener-Instituts bekommen hat. Diese Stipendien werden jedes Jahr an Personen vergeben, die ein wie auch immer geartetes Forschungsinteresse in der Antarktis haben. Wolfram Koch war als Teil eines vierköpfigen Theaterteams rund um den Regisseur und FilmemacherJan-Christoph Gockel dort. Das Team hatte sich beworben und damit sind zum ersten Mal Theaterleute in die Antarktis gereist und haben auf der Station Theater gespielt. Sie haben dort für die Produktion „Polaris“ einen Kriminalfall recherchiert, der sich tatsächlich in der Antarktis zugetragen hat. Im Mai findet die Uraufführung bei den Ruhrfestspielen statt.

Das Angebot für die Smartphone-Generation ist eher Junges Theater zwischen Street-Dance, dem Projekt „Joy“ mit Laiendarstellern und Superhelden?

Ja, aber immer auch mit thematischer Tiefe. Jede junge Generation entdeckt die Welt auf ihre eigene Weise neu. Dazu gehört auch das Entdecken der eigenen Superkräfte. Und die können sehr verschieden sein. Wir versuchen, vielfältige ästhetische Formate anzubieten. Dazu gehört auch Action, Sinnlichkeit und Spaß. DieVirtual-Reality-Installation „Irgendwo“ von Schippers&VanGucht genauso wie Arbeiten aus den Bereichen Zirkus oder Tanz. Das Team der Jungen Ruhrfestspiele wählt sehr genau für die entsprechenden Altersstrukturen aus.

Sind die Ruhrfestspiele auch ein wenig kulturelle Überforderung in Kriegszeiten?

Ich hoffe, unser Programm bietet vielmehr einen emotionalen Schutzraum gegen die Überforderung, die die aktuelle Weltlage für viele mit sich bringt.Israel Galván und Mohamed El Khatib sind ein perfektes Beispiel. Da erzählen zwei etablierte Künstler, die eine große Karriere gemacht haben und zu Recht als Stars gelten, dass ihre Väter ihre Lebensleistungen nicht anerkennen. Daraus entsteht ein Dialog zwischen Vätern und Söhnen, witzig und tiefgründig. Der Abend zeigt, wie Erwartungen und Traumata über Generationen weitergegeben werden und wie jede Generation aufs Neue versucht, sich von der Elterngeneration loszulösen und doch immer mit ihr verbunden bleibt. Und das in so einem Performance-Setting: die Bühne fast leer, scheinbar passiert nicht viel. Doch Israel Galván, einer der besten Flamencotänzer der Welt, unterläuft gezielt die Erwartungen an den Flamencotanz. Er tanzt den ganzen Abend, ohne den ganzen Abend zu tanzen. Ein großartiges Stück Theaterkunst.

Erschrecken und Erstaunen – die Ruhrfestspiele 2026 | 1.5. bis 13.6. | Grüner Hügel, Recklinghausen | 02361 921 80

Interview: Peter Ortmann

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