Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
26 27 28 29 30 31 1
2 3 4 5 6 7 8

12.636 Beiträge zu
3.858 Filmen im Forum

Mateja Koležnik
Foto: Peter Uhan

„Das Stück stellt uns vor ein Dilemma“

29. Januar 2026

Regisseurin Mateja Koležnik über „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ in Bochum – Premiere 02/26

Beim jährlichen Familienfest wird in einer portugiesischen Familie stets ein Faschist erschossen – bis sich eine neue Generation im Jahr 2028 weigert. Das Stück von Tiago Rodrigues fragt, mit welchen Mitteln man die Demokratie verteidigen darf.

trailer: Frau Koležnik, zunächst eine Frage zum Einstieg, um das Stück vorzustellen: Würden Sie Schweinefüße essen – egal, nach welchem Familienrezept sie zubereitet wurden?

Mateja Koležnik: Obwohl ich keine Veganerin bin wie die jüngste Tochter in unserem Stück, würde ich die nicht essen wollen. Auf dem Bauernhof meines Großvaters hatten wir Ferkel, und als ich als Kind während der Schlachtzeit Zeuge der Schlachtungen wurde, blieb mir das Töten eines Ferkels, das ich liebgewonnen hatte, als etwas zutiefst Beunruhigendes in Erinnerung.

Spielt diese portugiesische Delikatesse eine wichtige Rolle in Ihrer Inszenierung?

Das Rezept eröffnet das Stück und ist geschickt platziert, denn es macht die Zuschauer:innen glauben, dass sie hier einem fröhlichen, sommerlichen Familientreffen auf dem schönen Anwesen der Großmutter beiwohnen. Aber es macht noch mehr: Über das Rezept und die verschiedenen Zubereitungsmethoden werden uns die Familienmitglieder vorgestellt. Ein Familienrezept bedeutet Tradition und Ritual. Und Traditionen und Rituale spielen im weiteren Verlauf der Geschichte noch eine große Rolle in dieser Familie.

Das Stück vermischt die ewigen Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, Schuld und Rache mit zeitgenössischen Generationskonflikten über Umwelt- und Ernährungsfragen?

All das tut es. Es geht auch um Formen von Widerstand, um Respekt zwischen den Generationen, um Haltung und Verantwortung, um Opportunismus. Ja, und auch um Veganismus und Tierschutz. Aber für mich ist die zentrale Frage des Stücks – und das ist eine drängende, schmerzhafte, beängstigende und vorerst noch unvorstellbare Frage, die wir uns als Einwohner:innen Europas meiner Meinung nach bald stellen müssen: Wofür sind wir bereit zu töten, und wofür sind wir bereit zu sterben?

Das Bundesverfassungsgericht hat Deutschland einmal als kämpferische, verteidigungsfähige Demokratie beschrieben. Aber sich ohne Waffen gegen den Faschismus zu verteidigen, ist schwierig, oder?

Viele Jahre lang konnten wir das. Aber in dem Moment, in dem sich in Europa ein neues politisches Paradigma herausbildet – eines, das den Antifaschismus offen ablehnt – befürchte ich, dass wir den Zeitpunkt bereits verpasst haben, an dem diese Denkweise noch durch Dialog hätte gestoppt werden können. Ich befürchte, wir haben uns zu sehr darauf verlassen, dass die Kräfte, die den Faschismus nach Europa zurückbringen wollen, keine Mehrheiten mehr erreichen werden. In unserem Stück ist es bereits soweit. Es spielt im Jahr 2028, seit einem halben Jahr sind die Rechten an der Macht und greifen nach der Verfassung. Und damit stellt sich die zentrale Frage, wie ich sie grade ausgesprochen habe: Wofür sind wir bereit zu töten, und wofür sind wir bereit zu sterben?

Warum werden die erfolglosen Attentäter Hitlers geehrt, aber physische Gewalt gegen Tyrannen wird nicht akzeptiert?

Ich bin keine Soziologin und kann daher keine fundierte Antwort auf diese Frage geben. Meiner Meinung nach wurden die Attentäter, weil ihre Anschläge fehlschlugen, nicht als Mörder im kollektiven Gedächtnis behalten, sondern zu Opfern erklärt, mit denen sich die Menschen leicht identifizieren konnten. Für jemanden, der sich als Humanist versteht, ist es fast unmöglich, Folter offen als legitimes Mittel im Umgang mit Andersdenkenden anzuerkennen und zu akzeptieren.

Kann dieses Stück überhaupt gut enden?

Nein. Es ist sicher gut, dass wir von dem Autor kein Happy End angeboten bekommen, mit dem wir gut unterhalten nach Hause gehen können. Ganz im Gegenteil. Ohne das Ende zu spoilern, kann ich aber anmerken, dass es Unruhe oder Unwohlsein verbreiten wird. Die Entwicklung, die dieses Familientreffen nimmt, ist auf jeden Fall nicht erwartbar. Es wirft auch für mich ganz persönlich und nicht nur als Regisseurin Fragen auf, die unbequem sind, die schwer erträglich sind, die aber wichtig sind.

Der Zuschauerraum im Schauspielhaus Bochum ist groß – haben Sie Bedenken, dass Sie das falsche Publikum anziehen könnten?

Was wäre ein falsches Publikum? Das Stück stellt uns vor ein schweres Dilemma, und wie einer der Charaktere sagt, gibt es keine richtige oder falsche Antwort auf dieses Dilemma, sondern nur eine persönliche Entscheidung, für die man dann die Verantwortung übernehmen muss. Ich hoffe, das Stück wird Gespräche – oder noch besser – Debatten auslösen. Das ist seine Stärke. Das Stück wird die Zuschauer:innen nicht unberührt lassen. Es werden unterschiedliche Perspektiven oder Lösungen angeboten, über die man sich hinterher austauschen kann. Und solange wir Menschen, die eine andere Meinung haben als wir, nicht als falsch bezeichnen, besteht Hoffnung, dass wir nicht stillschweigend in den Faschismus abgleiten.

Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten | Sa 14.2. 19.30 Uhr (P) | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

Interview: Peter Ortmann

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Lesen Sie dazu auch:

Tradition und Verantwortung
„Catarina“ am Schauspielhaus Bochum

„Totaler Kulturschock. Aber im positiven Sinn“
Schauspielerin Nina Steils über „Amsterdam“ am Bochumer Schauspielhaus – Premiere 12/25

Kampf, Verlust und Liebe
Vorweihnachtliche Stücke für junges Publikum im Ruhrgebiet – Prolog 11/25

„Subjektive Wahrnehmung ist verboten“
Regisseurin Jette Steckel über „Das große Heft“ am Bochumer Schauspielhaus – Premiere 10/25

„Der Text hat viel mit heute zu tun“
Regisseurin Felicitas Brucker über „Trommeln in der Nacht“ am Bochumer Schauspielhaus – Premiere 04/25

Vorlesestunde mit Onkel Max
Max Goldt in den Kammerspielen Bochum – Literatur 01/25

Gegen Remigrationspläne
Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen – Was danach geschah“ am Schauspielhaus Bochum – Prolog 05/24

Ein Baum im Herzen
„Eschenliebe“ am Schauspielhaus Bochum – Prolog 03/24

Siehst du, das ist das Leben
„Der erste fiese Typ“ in Bochum – Theater Ruhr 06/23

Mit Psyche in die Unterwelt
„Underworlds. A Gateway Experience“ am Schauspielhaus Bochum – Prolog 01/23

Tonight's the Night
Musikalische Silvester an den Theatern im Ruhrgebiet – Prolog 12/22

Zeichenhafte Reduktion
NRW-Kunstpreis an Bühnenbildner Johannes Schütz verliehen – Theater in NRW 12/22

Premiere.