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Franziska Werner
Foto (Ausschnitt): Katja Renner

„Die Szene ist noch sehr lebendig“

28. Mai 2026

Leiterin Franziska Werner über das Impulse Festival 2026 in NRW – Premiere 06/26

In den Werken des diesjährigen Programms positioniert sich die freie Szene unter anderem zum Krieg in Europa, zu Veränderungen der Arbeitswelt und Gefahren für die Demokratie.

trailer: Frau Werner, in einer Zeit, wo im Osten Europas wieder Geschützlärm zu hören ist, erzählen bei den diesjährigen Impulsen Pizzalieferanten lieber Geschichten voller berührender Songs?

Franziska Werner: Das ist ja ein bisschen auch eine Strategie, um mit diesen globalen Verwerfungen, Krieg und Krisen im eigenen Alltag zurechtzukommen, wenn man noch das Glück hat und sehr entfernt vom Geschützlärm sitzt. Man überlegt sich dann vielleicht, wie komme ich klar mit dem Sinn und Unsinn des Lebens. Aber es gibt im diesjährigen Impulse-Programm natürlich auch als Gegenbeispiel „She stands in the Middle of the Battlefield“, eine Produktion der polnischen Künstlerin Magda Szpecht, die wir im Programmbereich Post-West zeigen. Das ist eine Zusatzreihe, die ich im letzten Jahr parallel zum Showcase eingeführt habe, um aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen in Ost und West zu reflektieren. Und bei der Arbeit von Magda Szpecht sieht man, dass eine Künstlerin, Dramaturgin, Kuratorin sich entschieden hat, in der Ukraine an der Front für die westlichen Werte zu kämpfen. Das ist natürlich ein sehr harter Stoff in einem sehr berührenden und intensiven Solo, weil die Frage gestellt wird, wie es ist, wenn man sich eben nicht mehr entziehen kann, weil alles weit weg ist. So kommt in diesem Jahr auch das Festivalprogramm diesem Geschützlärm in den Reflexionen schon sehr nahe, weil es die Kunst, die Künstler:innen und uns alle einfach auch betrifft– leider, muss man sagen.

Was ist bei den Impulsen von der freien Szene des deutschsprachigen Raums noch zu erwarten?

Auf alle Fälle eine große Vielfalt. Und da bin ich sehr glücklich berührt, dass es sie überhaupt gibt, weil die letzten Jahre wirklich sehr hart waren. Es gibt und gab ja massive Kürzungen und krasse Einschnitte. Im Prinzip wirdim Moment ja sogar der Wert von Kultur und Kunst in dieser Gesellschaft an sich in Frage gestellt. Dafür ist die Szene aber noch sehr lebendig, sehr agil und hat viel zu bieten. Schon das Eröffnungsstück „Toil“ von Sheena McGrandles bringt unfassbar viel Energie auf die Bühne: In dem Tanzstück geht es um die Mühe, die mit Tanz verbunden ist, um die Arbeit von Kunst an sich – immer bezogen auf einen breiteren gesellschaftlichen Zusammenhang. Als Jury ist uns bei der Sichtung und Auswahl des Showcases aufgefallen, dass das Thema Arbeit sich generell durchzieht.

Das spielt in sehr vielen Stücken eine wichtige Rolle. Einerseits heißt es ja, die Deutschen sollen generell mehr arbeiten, andererseits nehmen durch Arbeit verursachte Krankheiten immer mehr zu, vor allem auch psychische, und gibt es die Debatten um Mindestlohn und um die Rente. Also das Thema Arbeit spielt gesellschaftspolitisch eine große Rolle. In dem Zusammenhang ist auch ein Stück erwähnenswert, das wir in Köln zeigen: die Konzert-Performance „Yoldaş – Frauen, die einander halten“. Das ist die Arbeit der türkischen Musikerin Nihan Devecioğlu. Sie bringt auf eine sehr zärtlich-berührende Art einen Dialog mit der Generation ihrer Großmütter auf die Bühne, die als erste Generation Gastarbeiterinnen in die BRD gekommen sind. Ihre Großmutter hat beispielsweise in München im BMW Werk gearbeitet. Nihan ist ausgebildete Opernsängerin und erzählt und singt von mehreren Generationen von Frauen und was Familie, Arbeit, Heimat, Fremdheit und Zugehörigkeit jeweils meinen. Das Stück wechselt auch genremäßig spannungsvoll zwischen Film und Konzert.

Aber Dragshow und Nonbinäres darf natürlich auch nicht fehlen.

Das darf nicht fehlen! Denn interessanterweise ist das ja letztlich auch ein gesellschaftspolitisches Konzept. Da geht es um Regionen, hier sind es Künstler:innen mit polnischen Wurzeln, die sich mit der Region Oberschlesien beschäftigen, wo es ja schon immer eine starke Verbindung zum Ruhrgebiet gab und gibt, denn es gab schon immer eine großen migrantischen Austausch zwischen Oberschlesien und dem Ruhrgebiet. Und dieses „Non-binary House of Oberschlesien“ beschäftigt sich nun damit, wie man sich das Ganze jenseits von Nationalismen und Grenzen anschauen kann. Das heißt, wie kann man sich heimatnah verorten und auch Heimat irgendwie leben, ohne aber in nationalistische, eben schwarz-weiße oder in binäre Narrative zu verfallen – also weder individuell noch gesellschafts- und geopolitisch? Eine total wichtige Aufgabe, der wir uns weiterhin stellen sollten. Gerade, weil rechte Narrative überall auf dem Vormarsch sind.

Sind die Impulse heute auch eine Plattform für immer noch unzufriedene ostdeutsche Kulturschaffenden?

Ich würde bezweifeln, dass es je so war. Die Impulse waren schon immer eine Schau, die Spaß macht und ich kenne keine unzufriedenen ostdeutschen Künstler:innen – dafür kritische und kreative, die viel zu sagen haben und viel bewegen. Obwohl die Situation der freien darstellenden Künste prekär ist, in Ost und West, und droht, noch schlimmer zu werden, das muss einfach ganz klar gesagt sein. Aber das Tolle bei den Impulsen als Festival und „NRW-Wanderzirkus“ ist ja, dass man sehr unterschiedliche Arbeiten sieht aus drei deutschsprachigen Ländern – Österreich, Schweiz und Deutschland Ost und West – mit denen die freie Szene gefeiert wird, wo sie sich selber feiert und wo sie sich als Genre der freien performativen Künste positioniert. Das ist ein Fest! Und es geht immer auch um den Austausch und Dialog mit dem Publikum. Es ist ja nicht so, dass jetzt Künstler:innen aus Ostdeutschland kommen, um über ihre Missstände zu sprechen. Die Missstände und vor allem Erfahrungshorizonte sind in Ost und West teilweise ähnlich und dann auch wieder sehr unterschiedlich. In Post-West geht es eher darum, dass wir uns darüber verständigen und mit Blick auf die Zukunft eher das Gemeinsame und Verbindende herausfinden.

Ich hatte jetzt gedacht, wenn der Osten irgendwann blau regiert wird, wird die Kultur eh abgeschafft.

Das ist die große Gefahr, gerade ganz akut. Wir kooperieren ja mit dem Festival Osten in Bitterfeld/Wolfen in Sachsen-Anhalt, da ist die Situation für weltoffene Kunstprojekte wirklich sehr schwierig. Und genau deshalb ist es wichtig, zusammen zu arbeiten. Aber ich glaube, dass das in Westdeutschland leider genauso passieren kann, denn wenn man jetzt schaut, in Gelsenkirchen hat die AfD ja leider auch schon ziemlich hohe Zahlen. Es ist wichtig, die Künstler:innen und Akteur:innen zu unterstützen, die schon sehr lange und sehr kontinuierlich und konstant vor Ort für die Kunst, für die Freiheit der Kunst und für demokratische Werte kämpfen und einstehen. Es ist einfach total wichtig, dass Künstler:innen und die Kunst sich mit den Bürgerinnen und Bürgernpositionieren, weil es letztlich darum geht, wie wir alle leben wollen: ob frei oder nicht.

Gibt es Adressat:innen der Arbeiten, vielleicht das Publikum, oder kocht die Szene 2026 nur im eigenen Saft?

Ich glaube, es ist für jede und jeden was dabei, denn die meisten Arbeiten richten sich an das große, breite Publikum. Zum Beispiel Marie Meyers „Fortunate Shortcuts“, eine Performance, die wir in Bochum zeigen. Der Titel heißt übersetzt ja soviel wie „Glückliche Abkürzungen“ und hört sich vielleicht erst mal ein bisschen verwunderlich an, aber es geht eigentlich um das ganz aktuelle Thema: Was bedeutet es, wenn die KI bestimmte Arbeiten übernimmt, in diesem Fall Regie führt? Für das Stück wurde eine KI als Regie-verantwortlich „trainiert“ und konnte wirklich aus dem Vollen schöpfen: Kronleuchter, große Bühnenfolien, Requisiten und ein Soundtrack aus dem „Best Of“ der Barockmusik. Das Stück verknüpft Barocktraditionen und diesen Slogan „Deus ex Machina“. Und es ist wirklich interessant, mit welchen Algorithmen die KI da arbeitet und wo sie scheitert. Warum lässt sie jetzt das Bäumchen von links nach rechts tanzen? Warum spielt sie jetzt Händel ein oder warum nimmt sie jetzt Vivaldi als Musik? Das wirft alles interessante Fragen auf und macht gleichzeitig einfach auch sehr viel Spaß. Wie auch das Stück „Work Body“ des Wiener Künstlers Michael Turinsky, das im Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr gezeigt und gerade in der Szene viel diskutiert wird. Da geht es tatsächlich um den Arbeiterkörper und wir werden da als Publikum auch ziemlich mit im Raum beansprucht.

Bei einer Auswahl von zehn Showcase-Produktionen aus über 500 gesichteten Arbeiten – hat da auch die KI geholfen?

Nee, tatsächlich nicht! Das war alles noch echte Kopf- und Handarbeit (lacht). Aber da könnten wir mal drüber nachdenken. Was hieße es denn, ein Showcase zu zeigen, den eine KI auswählt? Wäre vielleicht auch interessant. Aber ich und ich hoffe, die allermeisten, vertraue noch ganz altmodisch auf die Menschen und ihre Kreationen auf den Bühnen oder unter freiem Himmel und die vielen Möglichkeiten von echter Gemeinschaft, wie wir sie in diesem Impulse-Programm erleben können.

Impulse Festival 2026 | 3. - 21.6. | Düsseldorf, Bochum, Mülheim an der Ruhr, Köln | 0202 69 82 72 80

Interview: Peter Ortmann

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