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Fünf Versuchsanordnungen: „Five Easy Pieces“ von Milo Rau
Foto: Ted Oonk

„Experimente, die anderswo so nicht möglich sind“

26. Mai 2017

Der künstlerische Leiter Florian Malzacher über das Impulse Theater Festival – Premiere 06/17

trailer: Herr Malzacher, ein Vierteljahrhundert gibt es nun das Festival der Freien Theater in NRW. Wo sind die Impulse, die das freie Theater nach 25 Jahren noch in die Stadttheater trägt?
Florian Malzacher: Erst einmal glaube ich nicht, dass die Aufgabe des freien Theaters ist, Impulse ins Stadttheater zu tragen. Wenn es die gibt, ist das erfreulich, aber die freie Szene ist ja kein Dienstleister für die Stadttheater. Allerdings bringen die sehr unterschiedlichen Arbeitsweisen und Ansätze der freien Szene tatsächlich immer wieder neue Formen hervor, die auch für anderen inspirierend sein können: Im Umgang mit dem Publikum zum Beispiel oder in der Art und Weise wie Kollektive zusammenarbeiten. Die freie Szene verändert sich permanent – auch weil sie weniger institutionalisiert ist, was viele Nachteile, aber eben auch Vorteile hat. Und so entstehen eben immer wieder neue und manchmal auch völlig überraschende künstlerische Arbeiten, die bestenfalls Impulse über die Szene hinaus geben können.  Aber große Trends – wie in den vergangenen Jahren vielleicht dokumentarisches Theater, das Arbeiten mit „echten Menschen“ oder auch die Beteiligung des Publikums – gibt es nicht jedes Jahr neu.

Hat Kunst der Krise der Politik, der Demokratien, etwas Eigenes entgegen zu setzen?
Ich denke ja. Natürlich kann Kunst nicht mal einfach schnell für uns die Demokratie retten oder Rechtspopulismus verhindern. Aber gerade das Theater hat ein besonderes Potential Gesellschaft, Politik, Demokratie nachzudenken zu untersuchen, zu hinterfragen, in Ansätzen neu zu denken. Denn  es ist ja die Kunstform, in der man als Gemeinschaft auf Zeit zusammenkommt, um gemeinsam Dinge zu verhandeln. Es ist immer ein symbolischer, aber auch ein realer Raum. Da bietet es sich an, beispielsweise darüber nachzudenken, wie wir in unserer Gesellschaft entscheiden können oder wollen – wie wir das in diesem Jahr tun. Im Theater ist es möglich, Vorschläge, Experimente, Versuche zu machen, die anderswo so nicht möglich sind.

Aber sind die Impulse über Entscheidungsmechanismen da nicht eher „hysterisch politisch“.

Florian Malzacher
Foto: Wolfgang Silveri
Florian Malzacher, künstlerischer Leiter der „Impulse“, war von 2006 bis 2012 Leitender Dramaturg und Kurator des Festivals steirischer herbst in Graz und ist seit 2009 freier Dramaturg und Kurator am Burgtheater Wien. Er arbeitete als Theaterkritiker und Journalist sowie als Dramaturg u.a. mit Rimini Protokoll und Lola Arias.


Theater hat sich immer schon intensiv mit seiner jeweiligen Gegenwart auseinandergesetzt, das ist ja keine Panikreaktion oder politisch verordnet. Und gerade das Impulse Theater Festival hat in den letzten Jahren einen besonderen Blick auf die politischen Möglichkeiten von Theater geworfen. Aber die ästhetischen, künstlerischen Formen, mit denen bei Impulse aktuelle Themen verhandelt werden, haben nichts mit dem normalen Nachrichtenkonsum oder den Kommentarfunktionen auf Facebook zu tun. Zugleich aber ist es natürlich so, dass gerade auch Künstler sich in dieser Zeit Gedanken machen, in was für einer Welt wir eigentlich leben wollen. Manchmal mag dann eine Arbeit auch nah am Tagespolitischen sein – aber in der Art und Weise, wie sie das ist, eröffnet hoffentlich andere Möglichkeiten des Nachdenkens.

Das theoretische Forum ist bei den Impulsen auch 2017 eine Hauptattraktion?
Na ja: Bei Impulse gibt es 90 Prozent Kunst und zehn Prozent Theorie. Aber gemeinsam mit vielen Künstlern ich finde die Auseinandersetzung mit Theorie und den Konzepten, die hinter den Dingen stehen, wichtig. Und es ist sehr bereichernd, gerade auch in einem Theaterfestival das Gespräch mit Philosophen, Politologen, Aktivisten usw. aus aller Welt zu suchen – über die Zeit, in der wir leben, und über die Kunst, die bei Impulse gezeigt wird. Ich freue mich darauf, dass Chantal Mouffe, die die politische Diskussionen gerade weltweit prägt, wieder zu Gast sein wird – und auch Antanas Mockus, der legendäre ehemalige Bürgermeister von Bogotá, der in den 90er Jahren künstlerische Strategien nutzte, um in einer der gefährlichsten Städte der Welt sehr reale Veränderung zu erreichen.

Hat sich denn etwas seit Ihrem Anfang bei den Impulsen tatsächlich verändert?
Ich denke, die Welt und die Kunst sehen heute schon sehr anders aus als vor fünf Jahren. Vieles hat sich zwar schon angekündigt, vieles war schon voraussehbar, aber insgesamt hat sich eben vieles auch nochmal sehr zugespitzt – sowohl in der Politik als auch in der Kunst. Die Auseinandersetzungen darüber sind geschärft worden. Inwieweit sich die Situation in Europa und der Welt in den letzten Jahren dramatisiert hat, brauche ich ja nicht zu erläutern. Aber parallel dazu haben sich im Theater eben auch neue Spielräume des Politischen eröffnet, die sich vor fünf Jahren gerade erst angedeutet haben.

Hat die Performance Art inzwischen nicht das Genre gewechselt? Von der bildenden Kunst zum Theater?
Es gibt ja inzwischen verschiedene „Performance Arts“. Für Impulse ist seit langem nicht mehr so interessant, ob eine Arbeit eher der Bildenden Kunst, dem Theater oder dem Tanz entstammt. Und auch das Spektrum der gezeigten Arbeiten reicht von eher schauspielbasierten Stücken, über Arbeiten, die stark mit Text arbeiten bis hin zu Formen, die näher an der Performance sind – oder an der Installation. Das ist der Reiz des freien Theaters: dass es eine sehr große Bandbreite an ästhetischen Möglichkeiten hat und nutzt. Dass die Grenzen zwischen den Genres heute offener sind, ist für das freie Theater nichts Neues. Dazu kommt, dass wir bei Impulse auch immer versucht haben, Kunst zu zeigen, die nicht nur abbildet, sondern auch direkt zu handeln versucht – beispielsweise mit der Silent University, die wir gemeinsam mit Ringlokschuppen und Urbane Künste Ruhr in Mülheim vor drei Jahren gegründet haben: Eine selbstorganisierte Universität, deren Lehrende geflüchtete Akademiker aus aller Welt sind. Das ist ein künstlerisches Projekt, das nochmal ganz andere Formen erschließt. Viele unserer Arbeiten bringen die Zuschauer in ein Gespräch, in dem nicht nur etwas für sie verhandelt wird, sondern in dem man als Besucher sich selbst verhalten muss, in gewisser Weise selbst handeln muss.

Also auch eine Art Rückzug ins Private des Theaterraums?
Einen Rückzug ins Private findet man in unserem Programm eher nicht. Es gibt Arbeiten, die auch auf das Private schauen, aber um dort das Politische zu finden: Da sind beispielsweise die Rabtaldirndln aus der österreichischen Steiermark, eine der wenigen Gruppen, die aus der Provinz kommen. Sie fragen, was es bedeutet, dass ihre ganzen Freunde in die Großstädte ziehen. Eine erstmal private Frage, die aber viel mit Strukturwandel zu tun hat, mit dem Verhältnis von Stadt und Land usw. Das Private ist also ein Anlass, auch über größere Zusammenhänge nachzudenken, in denen es eingebettet ist. 

Muss man Theater als Kunst heute vielleicht auch anders denken? Vielleicht wird Theater virtuell, findet nur noch im Internet statt?
Es wird sicher neue Theaterformen geben, die stärker in diese Richtung gehen. Die junge Gruppe internil, die bei uns erstmals zu Gast ist, denkt darüber intensiv nach. Auf der anderen Seite glaube ich, dass gerade wenn die Welt immer virtueller wird, der Kern des Theaters wieder wertvoller wird: dass Menschen live zusammenkommen und gemeinsam etwas verhandeln. Man merkt das bereits jetzt, dass es ein Bedürfnis gibt, solche gemeinsamen Erfahrungen zu machen. 

Impulse 2017 | 22.6.-2.7. | Köln, Mülheim, Düsseldorf | www.festivalimpulse.de

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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