Die „Orestie“ ist eine dreiteilige antike Familientragödie des Dichters Aischylos um Gewalt, Rache und Rechtsprechung. Der König Agamemnon hat der Göttin Artemis seine Tochter Iphigenie geopfert, wofür ihn seine Frau ermordet. Der Dramatiker Thomas Köck überträgt die Handlung in die heutige Zeit und behandelt die Gier nach Erdöl.
trailer: Herr Preuss, viele würden heute immer noch eine Iphigenie opfern, wenn dann das Benzin an der Tankstelle billiger würde. Ist das der Mythos vom „Verschwendungszusammenhang“?
Philipp Preuss: Das Stück zeigt, wie sich der Fortschrittsglaube in unsere Gesellschaft eingebrannt hat und es scheint da keine Alternative, keine Utopie dagegen zu geben und so geht es immer weiter mit dieser Gewalt. Wir opfern ja unsere ganze Welt für Fortschritt, das ist unser moderner Fluch. Es gibt einen schönen Satz vom slowenischen Philosophen Slavoj Žižek, der sagt, dass wir eher an den Untergang der Welt glauben, als dass sie verändert werden könnte.
Die Gier nach Energie ist heute kein Familiendrama. Kann man einfach so Blut durch Öl ersetzen?
Das ist im Stück so eine Metapher für die Gewalt. Und vielleicht, wie die Erde blutet, wenn man das metaphorisch weiterdenken will. Das ist auch der Rohstoff, der unser ganzes System am Leben erhält. Thomas Köck hat das Stück geschrieben, als das Thema gar nicht so virulent war, weil es ja auch immer verschwindet, wenn es nicht gerade um die gesperrte Straße von Hormus geht und dann die Erdölpreise steigen. Ideologie macht sich ja gerne unsichtbar. Was aber sehr interessant war: festzustellen, dass dieser Rohstoff überall drin ist, im Plastik, in der Nahrungsindustrie, im Dünger, damit es keinen Hunger gibt, in der ganzen Mobilität sowieso, aber auch in der Pharmaindustrie, Kleidung, sogar in der Kosmetik. Es ist also ein Rohstoff, der unsere Gesellschaft, unseren Wohlstand, unseren Fortschritt strukturiert und bildet. Das Öl ist also das Blut unserer ökonomischen Realität.
Was ist mit KI, wenn man das weiterdenkt? Ist es ein Ressourcen-Vernichter par excellence, aber vielleicht auch neue Gottheit aus Robotern mit Öl in den Adern?
So wie sich die Leute im Silicon Valley das vielleicht vorstellen, als Gottersatz oder als neues Zukunftsversprechen mit einem neuen digitalen Orakel von Delphi? Wozu diese Zukunftsversprechen führen, sieht man ja jetzt an diesen Aktiengängen, wo Billionen Dollar in die Zukunft investiert werden, wo kein Mensch weiß, ob sich diese Visionen jemals realisieren lassen. Aber KI ist auch ein absoluter Ressourcen-Verschwender, wofür man ja auch wieder Öl und Gas oder andere Energieträger braucht; wir reden hier von einem zusätzlichen Stromverbrauch von ganzen Städten und Ländern. Auf diese Problematik versuchen wir mit künstlerischer Intelligenz zu antworten.
Hat Thomas Köck die antike Rachetragödie von Aischylos eins zu eins überschrieben?
Er hat das eher als Rohstoff genommen und hat daraus ein absolut zeitgenössisches Stück über die Jetztzeit gemacht. Es gibt natürlich Verweise an die antiken Figuren, von Iphigenie bis Agamemnon, von Elektra und Orest, das hat er zeitgemäß umgeändert. Da geht es um die so genannte Petromaskulinität, wo das Patriarchat mit diesem Erdölgedanken zusammengebracht wird. Die Frauenfiguren sind da sehr emanzipiert, sind aber selbst auch Opfer wie Täter. Man sieht, dass die systemische Gewalt eben auch etwas mit dem Patriarchat zu tun hat, dieses Patriarchat aber wiederum nicht unbedingt an Gender gebunden ist.
Was machen bei Thomas Köcks Überschreibung die Götter überhaupt, müssen die die Greta Thunbergs in Schach halten?
Das Schöne an dem Stück ist, dass es gar nicht so tagesaktuell ist. Da geht es nicht um konkrete Figuren wie Greta Thunberg, aber um Menschen, die voller Idealismus sind und diese Welt ändern wollen. Bei Thomas Köck ist das eben die nächste Generation in Form von Elektra und Orest und es geht darum, dass man sich immer auch schuldig macht, wenn man Gewalt anwendet. Und das ist ja auch eben diese Zwickmühle, in der wir stecken: Wir wollen die Welt verändern, wissen aber nicht, wie das konkret gehen soll. So entsteht ein gesellschaftlicher Stillstand, der gerne Rückblicke statt Blicke nach vorne riskiert. Wir beschäftigen uns sehr mit der Vergangenheit, auch in der Kunst, entdecken da ignorierte, vergessene Sachen, verändern die Geschichte retrospektiv, „Retrotopia“ nennt das Zygmunt Bauman; es scheint aber schwierig bis unmöglich, eine Vision, eine Utopie, für eine bessere Zukunft zu entwickeln.
Wie verstärkt das Open-Air-Theater das Thema, hat das etwas mit archaischen Kulthandlungen im Wald gemein?
Ja, der Wald ist natürlich absolut prädestiniert für Kult und großes archaisches Theater (lacht). Was aber sehr schön und wichtig in dem Text ist, das ist die Natur selber, die als Gottheit, der Gottheit Gaia auftritt. Da gibt es mehrere Theorien, die Gaia ist ja quasi in der griechischen Antike die Urmutter und die Welt. Es gibt aber auch eine soziologische, philosophische Theorie von dem französischen Soziologen Bruno Latour, in der Gaia als zukünftiges Rechtssubjekt gesehen wird. So wird die klassische Einführung von Rechtsprechung und männliche Demokratie von Aischylos bei Köck ins Universelle vergrößert. Das ist inzwischen ganz real. In Spanien wird eine Salzlagune gerade zur Rechtspersönlichkeit und die Natur kann sich selber vertreten und für Rechtsprechung sorgen. Und dieses Thema Natur ist natürlich total wichtig bei Thomas Köck und es ist natürlich kongenial, dass es in der Natur spielt.
Aber wird die Inszenierung dadurch nicht auch abhängig von Unvorhersehbarkeiten wie Wind, Regen oder Unwetter allgemein?
Ja.Ja. Ja. Ich würde dreimal ja sagen.
Wie soll der Fluch des ewigen Wirtschaftswachstums in „Circus Oresteia“ gebrochen werden?
Das ist, wie der Titel sagt, ein Circus, also ein Kreislauf. Das wiederholt sich immer und wie es momentan aussieht, kommen wir aus diesem Kreislauf nicht heraus, obwohl es immer Versuche gibt. Wir lernen aber nicht aus der Geschichte und fangen immer wieder neu an. Um Beckett zu bemühen: Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.
Werden die Zuschauer im Raffelbergpark am Ende endlich mit dem Rad nach Hause fahren?
Das ist natürlich wieder vom Wetter abhängig. Man hofft da ja immer, es gibt da aber wohl auch noch bis zum Park eine Utopie von öffentlichem Verkehr. Zumindest bis 23:00 Uhr (wir lachen).
Circus Oresteia | Fr. 3.7. 20.30 Uhr(UA) | Raffelbergpark, Mülheim (Ruhr) | 0208 599 01 88
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

„Die Szene ist noch sehr lebendig“
Leiterin Franziska Werner über das Impulse Festival 2026 in NRW – Premiere 06/26
„Kunst kann helfen, auf die Welt zu reagieren“
Intendant Olaf Kröck über die Ruhrfestspiele Recklinghausen 2026 – Premiere 05/26
„Figuren wie unter einem Vergrößerungsglas“
Regisseur Jakob Arnold über „Ruf des Lebens“ am Schlosstheater Moers – Premiere 04/26
„Man muss in den eigenen Abgrund blicken“
Marie Schleef über „The Lottery“ am Essener Grillo Theater – Premiere 03/26
„Das Stück stellt uns vor ein Dilemma“
Regisseurin Mateja Koležnik über „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ in Bochum – Premiere 02/26
„Eine Referenz auf Orte im Globalen Süden“
Regisseur:in Marguerite Windblut über „Der Berg“ am Essener Grillo-Theater – Premiere 01/26
„Totaler Kulturschock. Aber im positiven Sinn“
Schauspielerin Nina Steils über „Amsterdam“ am Bochumer Schauspielhaus – Premiere 12/25
„Jede Inszenierung ist eine Positionierung“
Regisseur Kieran Joel über „Antichristie" am Schauspielhaus Dortmund – Premiere 11/25
„Subjektive Wahrnehmung ist verboten“
Regisseurin Jette Steckel über „Das große Heft“ am Bochumer Schauspielhaus – Premiere 10/25
„Es geht auch um Fake News“
Regisseurin Lola Fuchs über „Der zerbrochene Krug“ am Schauspielhaus Dortmund – Premiere 09/25
„Wir brauchen sichere, offene Orte“
Ab der Spielzeit 2025/26 leitet Dramaturgin Sabine Reich das Prinz Regent Theater in Bochum – Premiere 08/25
„Eine Welt, die aus den Fugen ist“
Kulturamtsleiter Benjamin Reissenberger über das Festival Shakespeare Inside Out in Neuss – Premiere 07/25
„Da werden auch die großen Fragen der Welt gestellt“
Kirstin Hess vom Jungen Schauspiel Düsseldorf über das 41. Westwind Festival – Premiere 06/25
„Der Zweifel als politische Waffe“
Intendant Olaf Kröck über die Ruhrfestspiele 2025 in Recklinghausen – Premiere 05/25
„Der Text hat viel mit heute zu tun“
Regisseurin Felicitas Brucker über „Trommeln in der Nacht“ am Bochumer Schauspielhaus – Premiere 04/25
„Die Kraft des Buchs besteht in der Aufarbeitung“
Bettina Engelhardt inszeniert Bettina Flitners Roman „Meine Schwester“ am Essener Grillo-Theater – Premiere 03/25
„Die perfekte Festung ist das perfekte Gefängnis“
Ulrich Greb inszeniert Franz Kafkas „Der Bau“ am Schlosstheater Moers – Premiere 02/25
„Ich war begeistert von ihren Klangwelten“
Regisseurin Anna-Sophie Mahler über Missy Mazzolis „The Listeners“ in Essen – Premiere 01/25
„Vergangenheit in die Zukunft übertragen“
Regisseur Benjamin Abel Meirhaeghe über „Give up die alten Geister“ in Bochum – Premiere 12/24
„Ich glaube, Menschen sind alle Schwindelnde“
Regisseurin Shari Asha Crosson über „Schwindel“ am Theater Dortmund – Premiere 11/24
„Hamlet ist eigentlich ein Hoffnungsschimmer“
Regisseurin Selen Kara über „Hamlet/Ophelia“ am Essener Grillo Theater – Premiere 10/24
„Das Publikum braucht keine Wanderschuhe“
Intendant Ulrich Greb inszeniert „Ein Sommernachtstraum“ am Schlosstheater Moers – Premiere 09/24
„Eine andere Art, Theater zu denken“
Dramaturg Sven Schlötcke über „Geheimnis 1“ am Mülheimer Theater an der Ruhr – Premiere 08/24
„Das ist fast schon eine Satire“
Alexander Becker inszeniert „Die Piraten von Penzance“ am Opernhaus Dortmund – Premiere 07/24
„Es ist ein Weg, Menschen ans Theater zu binden“
Regisseurin Anne Verena Freybott über „Der Revisor kommt nach O.“ am Theater Oberhausen – Premiere 06/24