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Jakob Arnold
Foto (Ausschnitt): Waldemar Salesski

„Figuren wie unter einem Vergrößerungsglas“

06. April 2026

Regisseur Jakob Arnold über „Ruf des Lebens“ am Schlosstheater Moers – Premiere 04/26

In Arthur Schnitzlers selten gespieltem Stück widmet eine Frau ihre gesamte Energie der Pflege ihres boshaften Vaters, während ihr Geliebter in den Krieg ziehen muss.

trailer: Herr Arnold, so schlimm wie bei Arthur Schnitzler ist es ja noch nicht, oder? Vor meinem Fenster marschieren jedenfalls keine Soldaten nach Osten.

Jakob Arnold: Da können wir nur hoffen, dass es so bleibt. Sicher bin ich mir da aber längst nicht mehr, so wie noch vor zehn Jahren. Die aktuellen politischen und geopolitischen Verschiebungen zeigen ja sehr deutlich: Krieg ist wieder näher gerückt. Gerade deshalb wirkt Schnitzlers Stück heute keineswegs erledigt, sondern beklemmend gegenwärtig.

Wie katapultiert man dieses selten gespielte Theaterstück in die Gegenwart – fast wie ein Zombie-Drama?

Wir machen aus Schnitzler kein historisches Museumsstück, sondern einen zeitgenössischen Abend. Die Figuren sind extrem gefangen in ihren Ideologien, Pflichtvorstellungen und inneren Zwangssystemen – und genau darin liegt tatsächlich etwas Gespenstisches, fast Zombiehaftes. Uns interessiert diese Erstarrung, weil wir sie auch heute wiederfinden: in Aufopferungslogiken, in moralischem Druck, in der Frage, wofür wir uns in einer individualistischen Gesellschaft eigentlich aufreiben. Insofern stellt das Stück sehr aktuelle Fragen.

Die Bühne im Schlosstheater ist bekanntlich nicht sehr groß. Was bedeutet das für die Inszenierung?

Die räumliche Enge ist für dieses Stück eher ein Vorteil. Marie ist an ihren Vater und an ihre Pflichten ja nahezu gekettet. Diese psychologische Beengung lässt sich im Schlosstheater sehr präzise fassen. Gleichzeitig interessiert uns eine künstliche, fast laborhafte Situation: ein Raum, in dem die Figuren wie unter einem Vergrößerungsglas seziert, geröntgt und auf ihre inneren Zwänge hin untersucht werden.

Eigentlich ist die Handlung in Schnitzlers Drama ziemlich hanebüchen. Ist das auch ein Grund für die Inszenierung?

Ja, man merkt dem Stück an einigen Stellen seinen jungen Autor an. Es gibt romantische Übersteigerungen und dramaturgische Umwege, bei denen wir durchaus chirurgisch eingegriffen haben. Wir konzentrieren uns stärker auf die zentralen Konflikte und haben sprachlich wie dramaturgisch verdichtet, damit das Stück nicht zur Räuberpistole wird. Entscheidend ist für uns nicht die äußere Konstruktion, sondern was sie über die inneren Zustände der Figuren freilegt.

In der Ankündigung geht es um die Unvereinbarkeit von Pflicht und Selbstbestimmung, an der viele pflegende Angehörige bis heute zu scheitern drohen. Geht es also auch um die Pflegegeld-Debatte?

Absolut. Unsere Hauptfigur Marie könnte durch bessere Unterstützung natürlich entlastet werden. Das Entscheidende ist aber: Selbst wenn es Hilfsangebote gibt, ist sie psychologisch kaum in der Lage, sich von ihrem Vater zu lösen. In einem Gespräch mit Sandra Janßen, der Leiterin der Pflegeberatung der Stadt Moers, wurde genau das bestätigt: Diese enge innere Bindung ist bis heute ein zentrales Thema bei pflegenden Angehörigen. Deshalb geht es nicht nur um Pflegegrade oder Geld, sondern auch um die Frage, wie viel gesellschaftliche Anerkennung und Respekt Menschen erfahren, die andere pflegen.

Ist die Figur des Kranken heute noch so problematisch, wie sie im Stück dargestellt wird – mit all der Angst, allein zu bleiben?

Ja, sehr sogar. Es geht um Einsamkeit, um die Angst, verlassen zu werden, und um die Erfahrung, durch Krankheit sozial markiert und isoliert zu sein. Diese Ängste sind bis heute hochaktuell. Uns interessiert dabei weniger die äußere Krankheit als das, was sie mit den Beziehungen in einer Familie macht – wie sie Abhängigkeiten verschärft, Schuld erzeugt und das soziale Gefüge verändert.

Marie schleicht am Schluss wie ihr eigenes Gespenst durch die Welt und graut sich vor sich selbst. Unerfüllte Lebensängste und die verzweifelte Suche nach Sinn bleiben also zeitlos?

Absolut. Marie wird zur Mörderin, tötet den Vater, den sie gepflegt hat, und muss mit dieser Tat weiterleben. Das Stück stellt sehr radikal die Frage, was eigentlich ein wirkliches Leben ist. Marie versucht, dem „Ruf des Lebens“ zu folgen und in eine selbstbestimmte Existenz aufzubrechen – aber gerade das gelingt ihr nicht. Am Ende führt sie zwar ein freieres, aber auch ein einsames und von Schuld gezeichnetes Leben. Und genau darin liegt die Offenheit des Stücks: Es beantwortet nicht, ob dieses kleine, schuldvolle Leben wirklich besser ist als das, aus dem sie ausbrechen wollte.

Ruf des Lebens | Do 30.4. 19.30 Uhr (P) | Schlosstheater Moers | 02841 883 41 10

Interview: Peter Ortmann

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