Und es begab sich zu einer Zeit, als noch keine Energiekrise das Land erschütterte, auch weil viele Arbeiten in Küche und Haus noch mechanisch und nicht elektrisch, dafür oft aber lustiger von der Hand gingen. Nüsse wurden dereinst von hölzernen – oft soldatisch anmutenden – Knackern zerbröselt, oder aber von stählernen Zwingen (oft aus Krupp-Kanonen) geknackt. Der so genannte hölzerne Nussknacker aber wurde ein Symbol der christlichen Weihnachtszeit, ein russisches Märchenballett in zwei Akten von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, nach Vorlagen von Alexandre Dumas und E.T.A. Hoffmann. In diesem Jahr ist die Geschichte von Fritz und Marie und dem scheinbar lebendig gewordenen Nüsse-Fresser in Wuppertal im Opernhaus zu sehen. Henner Kallmeyer bringt dort eine eigene Theaterfassung (zusammen mit Elisabeth Wahle) mit dem Sinfonieorchester, dem Inklusive Schauspielstudio und dem Schauspielensemble auf die Bühne (Do 3.11., Opernhaus Wuppertal).
Märchenhafte Klassiker scheinen alljährlich die Theaterreihen am sichersten zu füllen. Im Schauspielhaus Dortmund setzt man auf „Alice im Wunderland“, auch hier in einer eigenen Fassung mit Video von Kinder- und Jugendtheater-Intendant Andreas Gruhn (Fr 11.11. (P), Schauspielhaus Dortmund). Aber immer noch fällt das kleine Mädchen in den tiefen, tiefen Kaninchenbau, muss wilde Abenteuer bestehen und lernt merkwürdige Wesen kennen. Kein Wunder, wenn man dem weißen Kaninchen folgt. Wie sang 1967 Grace Slick so schön: One pill makes you larger, and one pill makes you small.
So richtig crazy ging es auch bei den Gebrüdern Grimm zu. In ihrem Märchen „Rapunzel“ wird ein Kind wegen permanenten Hungers auf Feldsalat bei einer Hexe eingetauscht. Es muss in den Turm und für den Lift des Bösen immer seine ultralangen Haare (nein, nicht neu verföhnt!) herunterlassen. Auch in Moers hat Dramatiker und Theaterregisseur Thorsten Bihegue die Geschichte entstaubt, krempelt veraltete Ansichten und Vorurteile gehörig um. Vielleicht braucht Rapunzel ja gar keinen Prinzen zum Ausstieg aus dem merkwürdigen Abhängigkeitsverhältnis in der ollen Ruine. Aber keine Sorge, immer noch muss sie in der Welt draußen haarsträubende (!) Abenteuer besteht und als Moerser Alleinstellungsmerkmal Feldsalatfeenfähigkeiten entwickeln. Apropos Feldsalat und Karten: Früher Vogel fängt den Wurm!
Rapunzel | So 27.11. (P) | Kath. Jugendheim St. Barbara Moers | 02841 883 41 10
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Gemeinsam gegen einsam
„Wo sind denn alle?“ am Moerser Schlosstheater – Prolog 02/26
Auf einem Mistkäfer zum Olymp
„Der Frieden“ am Schlosstheater Moers – Prolog 09/25
„Die perfekte Festung ist das perfekte Gefängnis“
Ulrich Greb inszeniert Franz Kafkas „Der Bau“ am Schlosstheater Moers – Premiere 02/25
„Das Publikum braucht keine Wanderschuhe“
Intendant Ulrich Greb inszeniert „Ein Sommernachtstraum“ am Schlosstheater Moers – Premiere 09/24
Das Trotzen eines Unglücks
Die neue Spielzeit der Stadttheater im Ruhrgebiet – Prolog 08/24
„Eher die Hardcore-Variante von Shaw“
Regisseur Damian Popp über „Pygmalion – My Fairest Lady“ am Schlosstheater Moers – Premiere 05/24
Theatrales Kleinod
Neues Intendanten-Duo am Schlosstheater Moers ab 2025 – Theater in NRW 04/24
„Es kommt zu Mutationen zwischen den Figuren“
Intendant Ulrich Greb inszeniert „Der Diener zweier Herren“ am Schlosstheater Moers – Premiere 02/24
Missverständnis der Verführung
„Lolita“ am Schlosstheater Moers – Prolog 04/23
„Der Gegenpol zum Wunsch nach Unsterblichkeit“
Ulrich Greb über „#vergissmeinnicht“ am Schlosstheater Moers – Premiere 01/23
Tonight's the Night
Musikalische Silvester an den Theatern im Ruhrgebiet – Prolog 12/22
Kommt ein Schwein um die Ecke
„Zwei Fleischfachverkäuferinnen“ im Schlosstheater Moers – Auftritt 11/22
Kampf, Hoffnung, Überleben
„Burning City“ am Tanzhaus NRW – Tanz an der Ruhr 03/26
„Man muss in den eigenen Abgrund blicken“
Marie Schleef über „The Lottery“ am Essener Grillo Theater – Premiere 03/26
Zerbrechliche Landschaften
Elfriede Jelineks „Winterreise“ am Schauspielhaus Dortmund – Prolog 03/26
Weisheit, frei erfunden
„Tyll“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Prolog 02/26
„Die KI wird nicht mehr verschwinden“
Karsten Dahlem inszeniert „Der Sandmann“ am Schauspiel Wuppertal – Interview 02/26
Bett trifft Ballett
„Frida“ am Dortmunder Ballett – Tanz an der Ruhr 02/26
„Das Stück stellt uns vor ein Dilemma“
Regisseurin Mateja Koležnik über „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ in Bochum – Premiere 02/26
„Ein ungewöhnlicher Frauencharakter“
Dramaturgin Patricia Knebel über die Oper „Die Fritjof-Saga“ am Essener Aalto-Theater – Interview 02/26
Witz, Tempo, Herz
Paul Abrahams Operette „Märchen im Grand-Hotel“ in der Oper Dortmund - Bühne 02/26
Zurück in den Sumpf!
Jean-Philippe Rameaus „Platée“ am Theater Hagen – Bühne 02/26
Das eigentliche Böse
„Deep Sea Baby“ im Mülheimer Ringlokschuppen Ruhr – Prolog 01/26
„Eine Referenz auf Orte im Globalen Süden“
Regisseur:in Marguerite Windblut über „Der Berg“ am Essener Grillo-Theater – Premiere 01/26