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Ulrich Greb
Foto: Bettina Engel-Albustin

„Der Gegenpol zum Wunsch nach Unsterblichkeit“

09. Januar 2023

Ulrich Greb über „#vergissmeinnicht“ am Schlosstheater Moers – Premiere 01/23

trailer: Herr Greb, Hashtag Vergissmeinnicht – was ist das Besondere an Pflanzen der Raublattgewächse? Führen sie zum Transhumanismus?

Ulrich Greb: Diese Pflanze führt uns in das Gebiet der Sage und des Märchens und damit in gewisser Weise auch in die Science-Fiction. Das, was wir uns hier vornehmen, hat mit Science-Fiction und entfernt auch mit Transhumanismus zu tun. Aber eigentlich ist es nichts anderes als ein Memento mori. Wir haben gedacht, dass es gerade jetzt nach Pandemie und im Dauerkrisenmodus sinnvoll sein könnte, sich mit dem Tod und dem Sterben zu beschäftigen, weil damit ja ganz eng die Frage verbunden ist, wie wollen wir eigentlich leben.

Ray Kurzweil statt Trauer ist angesagt, ist also mein langes Leben als Cyborg die Krönung der Evolution?

Genau. Die Unsterblichkeit interessiert uns natürlich auch. Ray Kurzweil vertritt da eine ziemlich klare Position: Krankheit und Tod sind ärgerliche Probleme, die bis 2045 technisch zu lösen sind. Er muss halt sehen, dass er bis dahin am Leben bleibt – der Mann ist immerhin Mitte Siebzig. Darum schluckt er jeden Tag 250 Pillen und kriegt sechs Infusionen in der Woche, um seinen Organismus fit zu halten. Das ist ziemlich bizarr. In unserem Stück geht es um eine nicht weniger bizarre, aber dafür sehr viel kurzfristigere Perspektive, nämlich die, dass es schon jetzt möglich ist, aus dem digitalen Nachlass einer Person, aus Texten, Bildern, Tondokumenten einen digitalen Doppelgänger zu programmieren, der dann unbegrenzt im virtuellen Raum weiterlebt.

Über einen Avatar mit einer Person über deren Tod hinaus weiter in Verbindung stehen zu können, klingt zunächst mal tröstlich und macht den Prozess der Trauer vielleicht erträglicher. Suggeriert aber auch, dass es vielleicht gar keinen Verlust gab, sondern lediglich eine Art Metamorphose. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität werden gerade neu definiert. Wir sind inzwischen schon daran gewöhnt, mit „alternativen Fakten“ umzugehen, aber wenn es keinen Unterschied mehr gibt, ob ich mit einem realen Menschen oder mit einer digitalen Kopie spreche, hat das weitreichende Konsequenzen. Wir werden gerade Zeugen davon, dass die KI LaMDA aus dem Google-Labor offenbar ihre Persönlichkeitsrechte versucht einzuklagen. Ebenso gravierend scheint mir, dass ich mit der Überlassung meiner digitalen DNA gleichzeitig die Kontrolle darüber abgebe, was anschließend damit passiert und was in den Tiefen des Algorithmus möglicherweise mitprogrammiert wurde.

Das würde ja auch die Atomisierung des Erbrechts bedeuten.

Ja, genau. Da hängen philosophische, aber auch juristische und ganz konkrete wirtschaftliche Fragen dran und man weiß, wenn eine Menge Geld zu verdienen ist, dann gibt das dem Ganzen nochmal einen Extra-Schub. Sandra Höhne, Dramaturgin hier am Haus, und ich haben zum Thema Tod und Sterben erst einmal verschiedenen Aspekte gesammelt, u.a. zum Thema des assistierten Suizids und ob sich die Situation nach dem Wegfall des §217 verbessert hat. Das ist der Gegenpol zum Wunsch nach Unsterblichkeit: Wie kann ich mein Leben selbstbestimmt und würdevoll beenden. Zunächst dachten wir, die weiträumige Thematik die Form einer Collage zu fassen. Doch dann hatte Sandra die Idee, als Grundsetting eine Familienkonstellation zu nehmen. Und das probieren wir jetzt: Wir erzählen die Geschichte einer schwerkranken Frau, die ihr Leben beenden will, mit zwei Söhnen und einem Mann, der sie nicht gehen lassen will und einen Avatar von ihr in Auftrag gibt. Das ist der Ausgangspunkt für eine Palette von Situationen in einem höchst lebendigen Panoptikum mit viel Chaos und schwarzem Humor rund um ein Zentrum, das schweigt.

Aber man braucht für das Stück dann keine VR-Brille?

Nein, wir vertrauen auf die uralte Imaginationskraft des Theaters und die Fantasie des Publikums. Birgit Angele hat wieder einen magischen Raum entworfen, in dem auch die Dinge lebendig sind und in dem sich ständig die Frage der Perspektive stellt: Sind wir vor oder hinter dem Spiegel?

Übrigens gibt‘s rund um die Inszenierung #vergissmeinnicht ein Rahmenprogramm mit einer Installation der holländischen Künstlerin Vanesa Abajo Pérez, einem Interviewprojekt zum Thema Jenseitsvorstellungen und verschiedene Diskursveranstaltungen. Wir kooperieren dabei mit der Universität Duisburg-Essen, dem Niederrheinischen Freilichtmuseum Grefrath und dem Hospizverein OMEGA – Mit dem Sterben leben e.V.

#vergissmeinnicht | R: Ulrich Greb | 17.2. (P) | Schlosstheater Moers | 02841 888 54 48

Interview: Peter Ortmann

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