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Joachim Meyerhoff und Denis Scheck im Stadion Hohenhorst
Foto: Frank Schorneck

Mit Juliane Werding im Rettungswagen

10. Juni 2021

Denis Scheck im Gespräch mit Joachim Meyerhoff – Festival 06/21

Nicht die drei ???, sondern die drei GGG sind zugangsberechtigt zu den Veranstaltungen der diesjährigen Ruhrfestspiele. Selbst vor Einlass in das Stadion Hohenhorst, wo die Veranstaltungen open air stattfinden und am Platz eine Maskenpflicht gilt, wird geprüft, ob die Gäste geimpft, genesen oder getestet sind. Man merkt, wie sehr die Kultur bemüht ist, in diesen Öffnungsphasen bloß nicht zu leichtsinnig zu werden, bloß keine Fehler zu machen, die das zarte Pflänzchen erster Live-Veranstaltungen vor echtem Publikum wieder gefährden könnten. Schließlich mussten die Ruhrfestspiele ihre Maitermine fast komplett ins digitale Festspielhaus verlegen. Die gründlichen Einlasskontrollen, die nur sehr eingeschränkte Gastronomie im Außenbereich und die Maskenpflicht können aber die Freude des Publikums nicht trüben. Das Stadion selbst, das sportlich von den Damen des 1. FFC Recklinghausen genutzt wird, ist als Veranstaltungsort ein Juwel. Von dem in seinen Glanzzeiten 30.000 Personen fassenden Stadion wird heute nur noch eine überdachte Sitztribüne genutzt, die übrigen Tribünen sind von Gräsern überwuchert, bilden ein wahres Biotop. Auf dem Rasenplatz ist eine Bühne mit Licht- und Tontechnik aufgebaut und bei einem ersten Blick ins Rund übersieht man leicht die beiden Tische auf der Tartanbahn, die Schauplatz des literarischen Dialogs werden sollen.

Literatur, Anekdoten, Schauspielerleben

So lässt es sich Denis Scheck, Moderator der Ruhrfestspiel-Literaturreihe, nicht nehmen, dem Ort mit einer kurzen Kniebeuge sportlichen Respekt zu zollen. „Joachim Meyerhoff im Gespräch mit Denis Scheck“ lautet der Titel des Abends und nur am Rande wird es im Verlauf desselben auch zu zwei Lesepassagen aus Meyerhoffs viel beachtetem Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet“ kommen. Der Roman ist der mittlerweile fünfte Band des autobiographischen Erzählzyklus „Alle Toten fliegen hoch“, der seinen Ursprung tatsächlich in einem erzählten Bühnenprogramm hat und so vermischen sich auch im Gespräch zwischen Autor und Kritiker immer wieder Literatur und Anekdoten, garniert mit Blicken hinter die Kulissen des Schauspielerlebens.

Angst vor Hirnschäden

Mit sichtlichem Spaß berichtet Meyerhoff auch von persönlichem Scheitern, spart Peinlichkeiten nicht aus, sondern ergötzt sich an Situationskomik. Das zeichnet sein Schreiben ebenso aus wie sein Erzählen in der Interviewsituation. Da Meyerhoff in seinem aktuellen Roman ein Schlaganfallerlebnis verarbeitet, schlägt der Abend durchaus auch ernste Töne an. Wie er das Erleben des Kontrollverlustes über seinen Körper schildert und die sich steigernde Angst, Hirnschäden davonzutragen („Zeit ist Hirn“), ist lebendig, geradezu greifbar. Gleichzeitig wird ihm die Absurdität der Situation bewusst, wenn er seine Hirntätigkeit prüft und die Zeilen „wenn Du denkst, Du denkst, dann denkst Du nur, Du denkst ...“ nicht mehr aus dem Kopf bekommt, die Familie ratlos daneben steht, wenn ihm nur vermeintlich zusammenhanglos „Juliane Werding“ über die Lippen kommt.

Lieber keine Autogrammstunde

Denis Scheck hält sich in seiner Moderation weitgehend zurück, Meyerhoff braucht eigentlich noch nicht mal einen Stichwortgeber, um in Fahrt zu kommen. Selbst wenn Scheck Fragen stellt, bestimmt Meyerhoff stets selbst die Richtung des Gesprächs. Viel zu schnell verstreichen die 90 Minuten, das Publikum ist hörbar erfreut, mal wieder live Applaus spenden zu dürfen. Ein wenig Irritation kommt auf, als Scheck ein wenig blauäugig angesichts der verhüllten Gesichter im Auditorium auf Signiermöglichkeiten hinweist. Offenbar wurde dieser Punkt vorab nicht besprochen – doch eine lange Schlange vor dem Büchertisch mag man zurzeit doch lieber vermeiden.

Der nächste Gesprächspartner von Denis Scheck ist am 15. Juni Daniel Kehlmann. Die wunderschöne Kulisse des Stadions wird allerdings schon am Freitag, 11. Juni den Rahmen für einen musikalischen Hochgenuss bieten: Kat Frankie, Wahlberlinerin mit australischen Wurzeln wird mit ihrem breiten Spektrum von A capella-Loops bis Gitarrenpop begeistern.

75. Ruhrfestspiele | bis 20.6. | Recklinghausen | Ruhrfestspiele

Frank Schorneck

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