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Foto (Ausschnitt): Marion Ettlinger

Exzentrik kann zärtlich sein

29. Januar 2026

„Mitz. Das Pinseläffchen“ von Sigrid Nunez – Textwelten 02/26

Der Grad an Exzentrik, mit dem ein Verhalten aus der Reihe der Konventionen herausragt, relativiert sich mit dem Zeitgeist. Was gestern noch skandalös wirkte, regt heute schon niemanden mehr auf. Aber dass jemand zu Terminen mit seinem Berufsverband oder beim Spaziergang durch den Park einen kleinen Affen auf der Schulter mit sich führt, würde heutzutage noch mehr Aufsehen erregen als 1934. In jenem Jahr hatte sich Leonard Woolf eines kleinen Pinseläffchens angenommen. Er und seine Frau Virginia bekamen es von Freunden geschenkt, denen das aus Brasilien stammende Tier in einem Londoner Kramladen aufgefallen war.

Für Sigrid Nunez liegt der Schlüssel zum Verständnis einer Person oft in deren Umgang mit den ihnen anvertrauten Tieren. Mal ist es ein Papagei in „Die Verletzlichen“, dann eine Dogge im Roman „Der Freund“, mit denen die Karten im Beziehungsleben neu gemischt werden. Nunez ergeht sich aber nicht in Sentimentalitäten, keine Spur Süßlichkeit enthält ihre Prosa, sondern zeigt, wie sich fast unbemerkt etwas im Alltag verändert.

„Er war ein Mann, der kranke Tiere heilte und Dahlien pflanzte und Bücher schrieb, in denen er sich mit den größten Fieslingen der Welt anlegte“, sagt Viginia im Roman über den Verleger Leonard Woolf. Der zärtliche Umgang dieses Mannes, der durchaus auch dunkle Seiten besaß, mit dem Äffchen und den Krisen seiner sensiblen Frau wird von Sigrid Nunez mit einer perfekt temperierten Sachlichkeit geschildert. Anette Grube gelingt eine so wunderbar fließende Übersetzung, dass man beim Lesen gierig ein Kapitel nach dem anderen verschlingt. Indem man Einblick in den Haushalt des kinderlosen Ehepaars erhält, seine Gewohnheiten und Launen erlebt, öffnet sich ein Zugang zum Werk von Virginia Woolf. Ein Roman wie „Die Jahre“ rückt plötzlich nah an die englische Alltagswelt der dreißiger Jahre heran. Sigrid Nunez zeigt den schönen Respekt, der den Umgang von Leonard und Virginia miteinander bestimmt, und die Entschlossenheit, mit der sie die Anwesenheit des Äffchens nach außen hin verteidigen. Darüber verliert Nunez nie die Realität des Äffchens aus den Augen, einer Kreatur, die der Kolonialismus erbarmungslos in das kalte England verschlagen hat.

Sigrid Nunez: Mitz. Das Pinseläffchen | A.d. Amerik. v. Anette Grube | 144 S. | Aufbau Verlag | 20 Euro

Thomas Linden

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