Es gibt immer wieder Entscheidungen, die dem Leben eine völlig andere Richtung geben können. Was aber, wenn es nicht die eigene Entscheidung ist? „Die Namen“ ergründet die Frage des „Was wäre, wenn?“ anhand der Namensgebung der Eltern.
1987 ist Cora auf dem Weg zum Amt, um die Geburt ihres Sohnes anzumelden. Laut Familientradition ihres Mannes müsste er dessen Namen erhalten und sich in die Gordons der Familie einreihen. Auf dem Weg spricht Cora mit ihrer Tochter Maia über die Namenswahl. Sie selbst würde Julian bevorzugen, während Maia ihren Bruder Bear nennen würde – soweit der Prolog. Daraufhin zeichnet die Autorin die Konsequenzen dieser Wahl nach. In einer Zukunftsvariante wird es tatsächlich der Name Bear, in einer anderen setzt Cora ihren eigenen Wunsch in die Tat um, während sie in der dritten der Erwartung ihres Mannes Folge leistet.
Der Roman erzählt fortan parallel in Intervallen von sieben Jahren, ob die jeweilige Motivation hinter der Namensgebung aufgeht und was aus dem Jungen wird. Zwar müssen Lesende mitunter etwas Rekonstruktionsarbeit leisten, um die Fäden beisammenzuhalten, doch die Zeitsprünge erlauben die Beleuchtung größerer Entwicklungslinien. Das Leben der Figuren verläuft entscheidend anders, Knapp kanalisiert zum Glück nicht alles auf die Namensgebung: Die Zukunft ist weiteren Zufällen unterworfen, sodass jede Version sich auf vielschichtige Weise unterscheidet und kein Abschnitt repetitiv wird. Die fiktive Erzählung rund um die in England und Irland verwurzelten Figuren mischt Knapp gelungen mit Zeitgeschehen, etwa den Anschlägen in Paris oder dem Corona-Lockdown. Das Ende mag überzeichnet sein, doch den lebendigen Figuren und der facettenreichen, einfühlsamen Erzählung tut dies keinen Abbruch.
Die Erzählstränge eint zudem das Thema häusliche Gewalt. Ob Coras Mann sie demütigt, tyrannisiert oder von der Außenwelt abschirmt – die Gefahr in der eigenen Ehe verändert sich nicht. Es variiert lediglich, wie ein Entkommen gelingen könnte. Dieses Leitthema prägt zudem die Beziehung der weiteren Figuren und ist oft auch hart zu lesen. Zugleich richtet Knapp mit wohldosiertem Humor den Blick darauf, wofür es sich zu kämpfen lohnt.
Florence Knapp: Die Namen | A. d. Engl. v. Lisa Kögeböhn | Eichborn | 352 S. | 24 Euro
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