Draußen kündigt sich ungemütliches Wetter an, da wollen die Kinder doch schnell noch einmal zum Meer laufen. Eilig werden die Schuhe angezogen, dann nimmt der Bruder seine kleine Schwester bei der Hand und die beiden laufen durch den Wald zum Strand. Die Bäume biegen sich in wechselnden Böen, das Meer wird vom Wind aufgepeitscht. Es ist aufregend, die Welt im drohenden Ausnahmezustand zu sehen. Der Nachbar geht noch einmal mit dem Hund Gassi, während die Wolken rasch über den Himmel ziehen.
Es ist diese besondere Stimmung – ein bisschen gefährlich, aber noch nicht beängstigend – in der sich das Geschwisterpaar im neuen Bilderbuch von Sydney Smith befindet. Brian Floca hat den Text dazu verfasst, der im Unterton das Drängen enthält, mit dem dieser Ausflug der Kinder dramatisiert wird. Noch ist die Gefahr nur spürbar, aber wenn die Kinder zu spät ihr Zuhause erreichen, könnte es brenzlig werden. Sydney Smith arbeitet in seinen aquarellierten Illustrationen mit dem Handwerkszeug des Filmemachers. Er entwirft Landschaftsaufnahmen im Breitwandformat und zoomt dann auf ein Augenpaar in Großaufnahme. So überträgt sich die prickelnde Angstlust der Kinder unmittelbar.
Und doch greift der Kanadier in seinem neuen Werk über das subtile Spiel mit der Emotion in eine größere Dimension hinaus. Da ist die innige Verbundenheit der Geschwister, die sich gleich Hänsel und Gretel an den Händen halten. Eine Geste, die nicht auf Sentimentalität angelegt ist, sondern zeigt, wie man sich gegenseitig anspornt und durch die Widerstände der Sturmböen zieht. Darüber wird die Begegnung mit den Elementarkräfte der Natur zu einer kleinen Odyssee, in der ein ganzes Leben mit seinen einzelnen Stationen an den Kindern vorbeizieht. Schließlich darf auch das Glück der Ankunft erlebt werden, wenn die beiden von der schon sorgenvoll wartenden Mutter in Empfang genommen werden. Ein bisschen Geschimpfe ist schon okay. Abenteuer sind eben besonders schön, wenn man weiß, dass es ein Zuhause gibt, in dem man dann die Schrecken des Sturms wohlig durchs Fenster beobachten kann. Ohne Zweifel, Sydney Smith ist ein Buch gelungen, das man wieder und wieder anschauen muss.
Brian Floca und Sydney Smith: Mit dem Wind um die Wette rennen | Aladin | ab 4 J. | 48 S. | 18 Euro
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Bunte Welten
Gratis Comic Tag 2026 an diversen Orten
Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26
Queer im Holocaust
Anna Hájková im Bochumer Fritz Bauer Forum
Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26
Das Glück der Stiefel
„Die gelben Gummistiefel“ von Isabel Pin – Vorlesung 03/26
Auf den Spuren des Honigs
„Ivy und Bärlock Holmes. Fall 1: Die rätselhafte Blume“ von Kristyna Litten – Vorlesung 03/26
Beziehungen
„Du findest mich, wenn du willst“ von Lavinia Branişte – Literatur 03/26
Atem eines großen Erzählers
„Wintermythologien“ von Pierre Michon – Textwelten 03/26
Unwiderstehlicher kleiner Drache
„Da ist besetzt!“ von Antje Damm – Vorlesung 02/26
Schmunzeln und Mitgefühl
„Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank“ von Anne und Paul Maar – Vorlesung 02/26
Glück und Unglück
„Niemands Töchter“ von Judith Hoersch – Literatur 02/26
Exzentrik kann zärtlich sein
„Mitz. Das Pinseläffchen“ von Sigrid Nunez – Textwelten 02/26
Bewusst blind vor Liebe
„Mama & Sam“ von Sarah Kuttner – Literatur 01/26
Beziehungen sind unendlich
„Schwarze Herzen“ von Doug Johnstone – Textwelten 01/26
Jenseits des Schönheitsdiktats
„Verehrung“ von Alice Urciuolo – Textwelten 12/25
Was nur schiefgehen kann
Markus Orths im Literaturhaus Dortmund – Literatur 03/26