33 Grad sind doch kein Grund zu Hause, in Bochum, zu bleiben. Bei tagsüber 33 Grad und abendlicher Gewitterwarnung fahre ich am 19.6., Wolfgang Welts zehnten Todestag, zu einer Lesung ins Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf. Es wird eine würdige Ehrung dieses 1952 in Bochum geborenen Stadt- und Ruhrgebietsschreibers. Als „Gottvater der Popliteratur“ bezeichnet ihn die junge Schauspielerin Jasmin Nevin-Varul im Gespräch nach der Veranstaltung, in der sie aus bisher unveröffentlichten Briefe Welts aus den Jahren 1981 bis 1983 vorträgt.
Für Boomer?
Die Lesung ist für sie eine „Herzensangelegenheit“, wie Martin Willems, Archivar und der Nachlassverwalter Wolfgang Welts, in seiner Einführung betont. Das verwundert erstmal, erschließt sich doch Welts Œuvre bei flüchtiger Lektüre eher männlichen Angehörigen der Boomergeneration. Aber es findet sich kein einziger chauvinistischer Gedanke in den gesamten für die Lesung ausgesuchten Briefen, gerichtet an Verleger, Redakteure und potentielle Förderer der sich Bahn brechenden literarischen Ambitionen.
Wunderwerke
Seine Briefe sind vielmehr, ähnlich wie bei Kurt Tucholsky, stilistische Wunderwerke von unermesslichem Assoziations- und Ideenreichtum. Sie erwecken einen proletarischen Kosmos der 80er Jahre schillernd zum Leben: Bergmannseltern, Opel, Fußballverein, Wilhelmshöhe, die Bochumer Arbeitersiedlung, die Welts autofiktionale Trilogie „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“ im Titel trägt.
Rastlose Existenz
Jasmin-Nevin Varul empfindet Welts Lebensrhythmus und seine Überführung in einen unverkennbaren literarischen Sound in einem ihrer Lesevorträge so mitreißend nach, dass es Szenenapplaus gibt. Hier wie in seinen späteren Romanen schildert Welt seinen gehetzten Alltag zwischen Scheinstudium, Musikreportagen und -rezensionen für Marabo, DJ-Tätigkeit, Jobben im Plattenladen, Fußballspielen in seinem Arbeiterverein, Arztbesuchen; kompensiert mit Alkohol, Kaffee, Zigaretten, Medikamenten. Schlecht bezahlt, zeit- und energiefressend, immer auf dem Sprung. „Irgendwie komm ich mir schon so vor wie ‚Der arme Spielmann‘, der immer auf der Suche nach dem idealen Ton war, oder wie der ‚Hungerartist‘. Ich weiß einfach nicht, was ich will und ob ich eigentlich was will“, schreibt er einmal.
Das Gewitter ist vorbei, als wir rausgehen. Und auf der Rückfahrt frage ich mich dann doch, wie es sein kann, dass diese Lesung nicht zuhause, in Bochum, stattgefunden hat.
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