Ein Kammerspiel in einem Keller, zwei jugendliche Stimmen in der Dunkelheit. Alexandra und Sascha sind die Namen, die die Autorin ihnen zuordnet und damit direkt den Raum für Interpretation öffnet: Sascha ist ein geläufiger Kosename für Alexandra – und schon im Prolog deutet die Autorin an, dass es sich um ein und dieselbe Person handeln könnte. Die neckende Unterhaltung, die sich im Keller zwischen Alexandra und Sascha entspinnt, dreht sich viel um die Suche nach den titelgebenden Zündhölzern, um Licht ins Dunkel zu bringen.
Warum verlassen die Jugendlichen diesen Ort nicht, obwohl sie könnten, und tappen stattdessen weiter in der Finsternis umher – in zahlreichen Szenen, in denen ansonsten nicht viel geschieht? Nur über ein Radio dringen Nachrichten und Diskurse aus der Welt um sie herum zu ihnen. Erst als Erwachsene auf den Plan treten, sich Zugang zum Keller verschaffen und die Jugendlichen sogleich überreden, mit ihnen zu kommen, wechselt die Szenerie. Alexandra und Sascha sollen ohne lange Vorrede geopfert werden und sie gehen bereitwillig mit. Die beiden nehmen es so gelassen hin, dass man es fast überlesen könnte. Ist es notorische Gelassenheit der Jugend oder Abstumpfung? In jedem Fall scheint ihr Opfer seinen Zweck zu verfehlen. Doch die Frage nach dem Warum wird später verhandelt, denn ihre Stimmen bestehen fort.
Es sind eine widerspenstige Form und das Spiel mit Unklarheiten, die den Stoff des Romans zunächst nicht ohne Weiteres zugänglich machen und später umso mehr Ebenen freilegen. Das liegt auch daran, was sich hier alles auf gerade einmal 136 Seiten tummelt: Von Prolog über das Theaterskript begleitende Skizzen auf den Seiten hin zu Regieanweisungen und dem Nachwort aus der Perspektive einer Leserin des Voranstehenden verbindet die Autorin zahlreiche Ebenen zu einem ebenso komplexen wie kurzen Ganzen. So ist es insbesondere dieses Nachwort von Katja Petrowskaja, das für viele der Leseeindrücke eine Einordnung im Nachgang parat hält. Zugleich ist interessant, wie ihr Nachwort mit der Aktualität des von ihr angebotenen Kontexts, des Krieges in der Ukraine, hadert; kann der Text doch ebenso für sich stehen.
Yevgenia Belorusets: Zündhölzer | a. d. Russ. u. Ukr. v. Claudia Dathe | Matthes & Seitz | 136 S. | 20 €
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Das Unaussprechliche des Familienlebens
„Vertraute Gespenster“ von Anna Ruchat – Textwelten 08/26
Gutes Händchen
Literaturhaus präsentiert Lena Schätte – am 28.8. im Klumpen Moritz in Oberhausen
Der Hungerartist
Wolfgang Welt: Lesung aus Briefen des Bochumer Schriftstellers in Düsseldorf – Literatur 07/26
Auf sich gestellt
„Wir gehen mal los“ von Raffaella Romagnolo – Literatur 07/26
Schule mit Herz und Humor
„Shrimpie und ich“ von Moni Port und Claudia Weikert – Vorlesung 06/26
Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26
Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26
Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26
Drei Farben zum Glück
„Zu Fuß“ von Michael Roher – Vorlesung 05/26
Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26
Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26
Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26
Meeresbewohner zum Anfassen
„Zusammenstecken und Entdecken: Meerestiere“ von Abigail Wheatley – Vorlesung 04/26
Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26
Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26
Glühender Zorn
„Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof – Textwelten 07/26