Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28

12.660 Beiträge zu
3.876 Filmen im Forum

Sarah Kuttner
Foto: Laura Hoffmann

Bewusst blind vor Liebe

19. Dezember 2025

„Mama & Sam“ von Sarah Kuttner – Literatur 01/26

Nach dem unerwarteten Tod ihrer Mutter sucht die Tochter in der leeren Wohnung nach Antworten: Was ist geschehen? Ein genaues Todesdatum ist schwer festzustellen, ihre Mutter starb allein zu Hause und wurde erst Tage später gefunden. Das liegt auch daran, dass die Mutter sich zuletzt von ihren sozialen Beziehungen zurückzog und sich ganz auf ihre Beziehung mit dem Schauspieler Sam Heughan konzentrierte. Mit ihm war sie in konstantem Austausch per Chat, er war schon auf der Suche nach einem Haus für sie beide in Deutschland. Doch ständig gab es Zollschwierigkeiten, eingefrorene Konten und andere Notfälle, bei denen die Mutter aushelfen musste. So oder ähnlich, reimt die Tochter sich zusammen, muss die Geschichte aus der Sicht ihrer Mutter ausgesehen haben. Dass es tatsächlich der aus der Serie „Outlander“ bekannte Schauspieler war, mit dem die Mutter chattete, glaubt von den Angehörigen niemand.

Aus den spärlichen Informationen, die ihr Umfeld hat, setzt die Tochter in der Retrospektive die Geschichte zusammen und rekonstruiert anhand des Chatverlaufs, wann wie viel Geld geflossen ist und wie es dazu kommen konnte. Die ständige Frage, ob ihre Mutter all die Warnsignale nicht wahrgenommen hat, erübrigt sich, als klar wird, dass die Mutter das Risiko eines Betrugs bewusst in Kauf nahm – einfach, weil sie geliebt werden wollte. Der Love Scammer weiß sehr genau, wann ihn romantische Emojis und wann emotionaler Druck ans Ziel führen. Es ist hart, diese berechnende „Zuckerbrot und Peitsche“-Taktik aus Sicht der Tochter zu lesen.

Und doch: Wer Sarah Kuttner liest, kann sich darauf verlassen, dass es launig wird – auch bei so schwierigen Themen. Dem Buch fehlt es nicht an Humor und Selbstironie, während die Autorin zugleich auf einer Metaebene Schuldfragen und Gewissensbisse verhandelt. Sie dekonstruiert hier gelungen, welche Zutaten ein Heiratsschwindler braucht, um mit seiner Masche durchzukommen. Eine Stärke des Romans ist auch, die Geschichte zunächst einmal zuzulassen und statt Blindheit gegenüber Warnsignalen eine ganz andere Frage in den Vordergrund zu stellen: War die Mutter in dieser Beziehung glücklich – oder hat sie dabei dauerhaft auf Glück gewartet?

Sarah Kuttner: Mama & Sam | S. Fischer | 288 S. | 24 €

Melanie Schippling

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Backrooms

Lesen Sie dazu auch:

Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26

Die Beste aller Welten?
Musikalische Lesung am Gelsenkirchener MiR

Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26

Menschen ohne Geschichte
Anna Hájková im Bochumer Fritz Bauer Forum

Die Wurzeln des Islam
Mouhanad Khorchide im Essener Medienforum

Drei Farben zum Glück
„Zu Fuß“ von Michael Roher – Vorlesung 05/26

Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26

Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26

Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26

Meeresbewohner zum Anfassen
„Zusammenstecken und Entdecken: Meerestiere“ von Abigail Wheatley – Vorlesung 04/26

Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26

Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26

Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26

Das Glück der Stiefel
„Die gelben Gummistiefel“ von Isabel Pin – Vorlesung 03/26

Auf den Spuren des Honigs
„Ivy und Bärlock Holmes. Fall 1: Die rätselhafte Blume“ von Kristyna Litten – Vorlesung 03/26