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Annette Dabs
Foto: Fidena

„Gut, wenn man auch mal über Liebe spricht“

01. Mai 2020

Leiterin Annette Dabs zur Absage der Fidena und den Grand Prix d‘Amour – Premiere 05/20

trailer: Frau Dabs, auch unbeseelte Körper sind in Quarantäne. Trifft es das Figurentheater in diesen Zeiten besonders, wie sind die Kompanien betroffen?

Annette Dabs: Das trifft das Figurentheater im Prinzip genauso wie alle anderen Darstellenden Künste. Was ein Unterschied ist: Noch viel stärker als im Schauspiel, um das mal als Vergleich zu nehmen, gibt es im Figurentheater fast ausschließlich eine Freie Szene. Im Schauspielbereich werden sehr viele dadurch aufgefangen, dass sie feste Anstellungen haben und dass die Häuser ihre festen, zugesagten Bewilligungsbescheide von Stadt und Land ja schon haben. All das ist in der Figurentheater-Szene eher nicht der Fall. Es gibt zwar einige feste Häuser, die auch institutionell gefördert werden, aber der überwiegende Teil der Figurentheater- und Puppenspielkünstler ist freiberuflich und somit überhaupt nicht abgefedert.

Puppenkiste online ist also auch keine Lösung?

Nein, das ist keine Lösung. Zwar hat das Figurentheater einen guten Zugang zu allen möglichen digitalen Formaten. Denn damit haben sich Puppenspieler schon lange beschäftigt, nicht nur im Bereich Puppen-Trick, sondern mit alle neuen digitalen Varianten, die man kennt. Trotzdem ersetzt all das kein Live-Erlebnis. Auch nicht dieses Angebot, dass es im Netz momentan gibt, angefangen von diesen ganzen Streams, abgefilmten Veranstaltungen, bis hin zu verschiedenen Formaten, die sich jedes Theater überlegt, wie die Gimmicks, die sie auf Facebook laufen lassen. Das ist eine Flut an Angeboten, von der ich mir nicht vorstellen kann, dass die Leute da dauerhaft Lust drauf haben. Es ist manchmal schon so, dass es mich nervt. Und ich denke, vielleicht sollte sich das Theater mal eine Zeit lang nicht so wichtig nehmen. Das darf ich zwar eigentlich nicht sagen, aber im Prinzip ist es so. Was man jetzt deutlich sieht, beispielsweise auf Facebook oder Instagram: Da ist eine Familie in Quarantäne, mit verschiedenen Generationen, die sind alle begabt und machen ein wirklich originelles Video, mit Musik und Tanz, da tanzt die Oma und da tanzt der Enkel und der Kochtopf und die Katze läuft auch noch durchs Bild, dann sind das Sachen, die mir mehr Spaß machen, als wenn sich Schauspieler hinsetzen und lesen oder Opernsänger hinstellen und singen. Sowas sehe ich lieber auf der Bühne. Ich bin nicht so ganz glücklich mit diesem Online-Angebot der Kulturinstitute.

Bei der Fidena geht es jetzt eher um Liebe?

Genau. Das ist aber eine Sache, die wir eigentlich live machen wollten. Da sollten die Leute die Möglichkeit haben, sich vorher zu bewerben, dann am Wettbewerb teilzunehmen, und so wären die dann im Festivalzentrum live aufgetreten und wir hätten das Publikum die Gewinnerin oder den Gewinner küren lassen. Darauf hatten wir uns total gefreut. Dieses Format haben wir 2008 schon gemacht, da gab es bei der Fidena den ersten „Grand Prix d`Amour“, und weil das jetzt ausfällt, haben wir uns gedacht, das ist ein Format, das man wirklich auch digital machen kann. Alle sind zurzeit damit beschäftigt, sich durchzulesen: Wie sind die Krankheitsverläufe, wie sind die Todesraten und Neuinfektionen, wie sind die Krankenhäuser aufgestellt, was gibt es da wieder für Berichte aus Italien und was macht der dumme Trump? Dazu diese ganzen Existenzsorgen, die sehr viele Menschen umtreiben. Da ist es vielleicht ganz gut, wenn man auch mal über Liebe spricht. Vielleicht haben die Leute Lust, einmal ein Liebeslied zu komponieren, zumal wir das ja sehr offen gestalten, was denn das Objekt der Begierde oder der Liebe sein könnte.

MP4-Format, Format 16 zu 9, maximal 500 MB – das ist also nur was für die Instagram Generation mit schickem Smartphone, oder?

Ist das so? Wir haben diese Website in aller Kürze aus dem Boden gestampft. Das ist alles intern entstanden, mit dem Know-how meines Teams, und das ist ein sehr junges Team, und die sind auch diejenigen, die sagen, so müssen die Bedingungen sein. Das Ganze wird natürlich so eine Art YouTube-Format werden.

Will die Bevölkerung gerade überhaupt Kunst und Kultur oder will die eher offene Baumärkte, offene Kneipen und offene Fußballstadien?

Ich habe das Gefühl, dass viele Leute das Theater durchaus vermissen, aber sie vermissen es nicht im digitalen Raum. Sie vermissen das gemeinsame Dorthin-gehen, das Sich-da-treffen, und das gemeinsame Live-Erlebnis, das man als Publikum mit dem Ensemble hat. Das wird tatsächlich vermisst. Die Frage ist aber auch: Was ist berechtigt – mal abgesehen davon, dass es Baumärkte gibt – was ist relevant, worum sollte es gehen? Ich habe gestern mit Stefanie Oberhoff telefoniert, das ist eine von den Künstlerinnen mit denen ich am liebsten eng zusammenarbeite und die auch meine Ausstatterin ist, wenn ich Regie führe. Die hat mir gesagt, dass sie, bevor sie in ihr Atelier geht, jeden Tag von 9 bis 12 Uhr in Stuttgart bei der Tafel ist und da hilft. Da hat sie das Gefühl, dass sie was wirklich Relevantes tut. Was sie an Kultur weitertreibt, hat für sie dann mehr Wert, weil sie auch noch etwas anderes Handfestes tut. Ich kann das gut nachvollziehen. Ich finde diese Fragen momentan sehr berechtigt. Ich bin nicht diejenige, die jetzt philosophisch darauf antworten würde, wie wichtig Kultur ist. Ich glaube, dass wir das erst feststellen, wenn es noch länger andauert. Dafür ist es noch zu früh.

In solchen Krisen geht es immer auch um Geld. Wie verhält sich die Stadt, das Land…

Die verhalten sich grandios. Das muss man jetzt wirklich mal sagen. (…) Ich kriege auch im Einzelnen mit, wer schon alles profitiert hat, und so erlebe ich ganz viele, die sogar außerordentlich beeindruckt sind von dem, was da geleistet wird. Es ist gut darüber zu reden, wo funktioniert es nicht, und ich glaube, dass der Wille, nachzubessern, in der Politik ja da ist. Ich kann nur sagen: Jeder unserer Fördergeber hat uns mehrfach versichert, dass sie froh wären, wenn wir die Fidena nachholen könnten. Dass sie alles tun, dass wir unsere Laufzeit verlängert bekommen. Auch Johan Simons vom Schauspielhaus will zusammen mit uns alle Möglichkeiten prüfen. Sie wollen unbedingt, dass wir das möglich machen. Sowohl unsere Spielorte, Kooperationspartner als auch unsere Förderer, Stadt, Land, Bund und auch Sponsoren, Stadtwerke, Sparkasse: wirklich vorbildlich.

Aber man spart ja eine Menge Toilettenpapier.

Wenn die Fidena nicht stattfindet? Es scheint so, wenn die Leute immer zuhause sind, dass ihnen eigentlich nichts anderes einfällt, als dass sie wieder auf die Toilette müssen.

Song-Contest „Grand Prix d’Amour“ | Video-Einreichungen bis 14.5., Voting ab 28.5., Preisverleigung 30.5. 20.15 Uhr | fidena.love

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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