Eine Geschichte über zwei Fleischverkäuferinnen. Ich gebe zu, da denke ich sofort an das Theaterstück von Rosa von Praunheim, sorry. Aber das Stück der Autorin Anaïs Clerc, das jetzt im Essener Grillo-Theater Premiere feiert, ist natürlich weit davon entfernt – oder doch nicht? Auch bei ihr haben die beiden Frauen ein ambivalentes Verhältnis, auch hier geht es wie bei Praunheim in gewisser Weise um Geld, Ruhm und Anerkennung.
Die Frauen arbeiten in einer Fleischerei und erzählen sich währenddessen, wie sie dort gelandet sind. Beim Belegen von Sandwiches wird schnell klar, dass es sich um eine geschlossene Gesellschaft handelt – vielleicht nicht um die Vorhölle bei Sartre, aber doch um einen Raum der absoluten Zwangsläufigkeit. Antje war in ihrem früheren Leben Fahrkartenkontrolleurin. Dem tristen Leben nach der Kündigung wollte sie an einem Spielautomaten entkommen. Doch wie es beim Glücksspiel so ist: Am Ende gewinnt immer die Bank – und schon beginnt der Abstieg ins Nichts. Schulden, Schulden, Kleinkriminalität. Für sie ist die Fleischerei der letzte Zufluchtsort, auch wenn der „Big-Moon-Joker“ noch immer in ihrem Kopf spukt. Ihre namenlose Kollegin kam später. Sie wollte eigentlich Schauspielerin werden, doch dann wurde sie schwanger – und der Theatertraum platzte mit dem Baby im Mutterleib. Aber auch hier scheint es als Ursache der Misere präsent zu sein.
Anaïs Clercs Stück ist keine Tragödie, sondern in gewisser Weise ein Aufruf zum Glück. Der Weg bleibt dennoch steinig – auch wegen der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, mit denen die Frauen zu kämpfen haben. Ausbeutung, existenzielle Angst und falsche Versprechungen der Politik sind für untere Schichten fester Bestandteil des Lebens. Ein großes Thema in der Inszenierung wird deshalb sicher der Klassismus sein. Ein Ismus, der die soziale Ungleichheit legitimiert und die gesellschaftlichen Machtstrukturen der Reichen aufwertet, die immer schon Armut als persönliches Versagen bezeichnet haben, ohne ihre ererbten Vorteile als Argument gelten lassen zu müssen. Doch „Kill the Rich“ (übers.: Tötet die Reichen) ist nicht der Weg der Frauen, auch nicht die Zertrümmerung des „Big-Moon-Jokers“. Vielleicht gibt es am Schluss eher einen märchenhaften Aufstieg, der auch das Leben des lebendigen Fötus lebenswert macht.
Faulender Mond | 30.4. (P), 6., 10., 22.5. | Grillo-Theater, Ada, Essen | 0201 812 22 00
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