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Innenansicht des Essener Grillo Theaters
Foto: Ralph Lueger

Mit Dogma auf einer Theaterbühne?

14. Juli 2022

„Das Fest“ am Grillo Theater – Prolog 07/22

Im künstlerischen Spannungsverhältnis zwischen Theater, Kino, Fernsehen und neuerdings auch Streaming-Portalen im Internet sind monetäre Erfolge heute abhängig von Marketing und äußerlichem Spektakulum. Frei von Klischees bleiben oft nur noch Bühne und Zelluloid. In seinem Dogma 95-Film „Das Fest“ (Dänemark/Schweden, 1998) zeigt Regisseur Thomas Vinterberg eine wohl situierte Familie als ein mehrköpfiges Ungeheuer, das seine eigenen Kinder fast verschlingt. 

Das schleichend nette Böse steht nun in der Regie von Karsten Dahlem auf der Essener Bühne. Fast analytisch wird dabei eine Geschichte aus der Vergangenheit die opulente Feier für Familienoberhaupt Helge – er wird 60 – aus den Angeln heben. Drei seiner Kinder sind gekommen, um abzurechnen. 

Ein trauriger Anstoß war dabei, dass ihre Schwester ein Leid nicht mehr ertragen konnte und sich erst vor wenigen Monaten umgebracht hat. Der älteste Sohn enthüllt nun beim üppigen Essen, dass er und seine Schwester als Kinder sexuell missbraucht wurden. Der Jubilar wehrt sich nach Kräften gegen die enthüllte Tragödie, doch was das graue Tageslicht erst einmal erblickt hat, wird von der Handkamera gnadenlos durch die Räume und verwirrende Handlungsstränge verfolgt.  

Die verwaschene Ästhetik ist Teil des Dogma-Konzepts, das Vinterberg und Lars von Trier 1995 medienwirksam unterzeichneten und dass unter anderen Forderungen eben auch nur die Handkamera und auf keinen Fall künstliche Beleuchtung zuließ, was oft zu grobkörnigen, eher dusteren Szenen führte. 

Inwieweit Karsten Dahlem das in Essen auch beherzigt und ob das überhaupt im Theater realisierbar ist, bleibt abzuwarten – auch, ob wieder das Medium Film wie seinerzeit in Dortmund eine tragende Rolle spielen wird. Livemusik wird es geben und ist nach dem Dogma 95 Manifest ja auch erlaubt, egal ob sie die flammenden Reden der Verteidiger:innen oder den anhaltenden Schmerz der Misshandelten untermalen. Am Schluss von „Das Fest“ stehen immer die komplette Zerstörung einer Familie und ein offenes, gar nicht mehr so festliches Ende. Ein Thema, das ein Vierteljahrhundert später immer noch brandaktuell ist.  

Das Fest | 26.8. (P), 31.8., 17., 18., 29.9., 28.10. | Grillo Theater Essen | www.theater-essen.de

Peter Ortmann

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