Nun wir sind im Ruhrgebiet und nicht auf Kirkes Insel. Hier im Revier könnte man angesichts des Tönnies-Skandals vor zwei Jahren flugs Herbert Grönemeyers Kinder-Hymne in „Schweine an die Macht“ umdichten, wobei, wenn der Aufgeklärte es sich richtig überlegt, einige haben es tatsächlich dorthin geschafft, versuchen, das „Schweinesystem“ aufrecht zu halten, solange es die Steuerzahler:innen tragen. Auch noch ist es nicht lange her, dass in einem eher illustren Après-Ski-„Schweinestall“ in den Alpen eine Seuche Fahrt aufnahm und neben der Aufdeckung von Unfähigkeit in Land und Kommune auch noch wirr denkende Kreuz- und Querdenker ins Licht der Öffentlichkeit schwemmte. Leider sind das Motten, die im Licht verglühen, dachte sich auch Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und brachte schlappe 80 Seiten Bleiwüste zu Papier, die nun deutschsprachige Theater zu Inszenierungen verführten und verführen.
Am Essener Grillo wagt das Autor und Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer, ein echter Fachmann für zeitgenössische Gesellschaftsanalysen, der auch visuell oft ungewöhnliche Wege geht, wie bei der vergifteten Pressekonferenz einst zu Beginn bei „Ulrike Maria Stuart“ von Elfriede Jelinek im Grillo. Und jetzt rollt eine Lawine Zivilisationskritik über die Zuschauer:innen hinweg. Ganz werden sie den Text nicht zu hören bekommen, dazu reicht ein heutiger Theaterabend nicht mehr aus, aber schon die Auswahl ist ein Kriterium an sich. Im Herbst 2021 ist Frank Castorf in Wien beispielweise mit recht wenig Jelinek ausgekommen, mischte von Homer bis Horkheimer dazu, aber da war die Corona-Krise noch auf einem Höhepunkt. Welche „Schweine-Analogien“ sich Hermann Schmidt-Rahmer ausgedacht hat, werden wir sehen. Mit Sicherheit verspricht der Abend eine „wahnwitzige Höllenfahrt antiken Ausmaßes, die in Schlachthöfe und Intensivstationen genauso führt wie ins Silicon Valley und zu verdächtigen 5G-Sendemasten allerorten“. Das sagt jedenfalls der Inszenierungs-Klappentext. Und was die 5G-Sendemasten angeht, irgendwie verlieren bestimmte Themen momentan ihre Relevanz, obwohl sie eigentlich zur großen Fake-Show am laufenden Band dazu gehören. Oder hieß das in den Wendejahren „Lass dich überraschen“?
Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen! | 21. (P), 29., 30.10., 16., 24.11. | Grillo-Theater Essen | 0201 812 22 00
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