Eine Tabakhändlerin verbrennt in ihrem eigenen Geschäft, nicht infolge eines Unfalls, sondern aufgrund von patriarchalen Strukturen: Dieses Verbrechen ist der Ausgangspunkt von Rachel J. Müllers Stück „Tabak“, das Regisseurin Lea Oltmanns jetzt am Schauspiel Essen inszeniert. Damit richtet Oltmanns den Blick auf die Gewalt gegen Frauen, die vor allem im häuslichen Umfeld so schnell unter den Teppich gekehrt wird und die zugleich so viele betrifft. Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei Frauen, die in einem sechsstöckigen Wohnhaus über dem Tabakladen wohnen. Sie sind seit Jahren Nachbarinnen, nähern sich aber erst durch die schreckliche Tragödie an. Nach und nach öffnen sie sich der jeweils anderen und beginnen, Scham und Einsamkeit hinter sich zu lassen.
„Nähe und Distanz sind für mich ganz zentrale Themen in dieser Inszenierung“, sagt Lea Oltmanns. „In unserer Gesellschaft ist es leider sehr verbreitet, dass Frauen ihre Emotionen nur zu Hause verhandeln sollen. Dabei ist es wichtig, vor allem mit Angst- oder Rachegefühle nicht alleine zu sein, sondern sich anderen mitzuteilen.“ Im Stück entsprießt dies aus dem Mord an der Ladenbesitzerin, die als einzige Figur nicht namenlos bleibt. „Leider betrifft uns die Gewalt gegen weiblich gelesene Personen, die im Femizid eine seiner extremsten Ausdrucksformen findet, im Grunde alle. In den Proben haben wir festgestellt, dass jede von uns schon auf die ein oder andere Weise entsprechende Erfahrungen gemacht hat. Es tut extrem gut, sich darüber auszutauschen.“ Gerade dadurch sei die Inszenierung für alle Betroffenen eine enorme Herausforderung. „Die Thematik ist auf jeden Fall fordernd“, berichtet Oltmanns, „zumal der Text unglaublich dicht ist. Daher bauen wir auch eine körperliche Ebene ein, die durch den Femizid gestört wird. Dies erlaubt uns und auch dem Publikum, zwischenzeitlich kurz durchzuatmen.“ Gleiches gelte für verschiedene Videokunst-Sequenzen.
Obwohl „Tabak“ als eine Art Aufbegehren gesehen werden kann, ist es nicht nur von Wut geprägt. „Es geht auch ganz viel um Liebe“, sagt Oltmanns, „um Liebe, die oft fehlt. Die beiden Hauptfiguren entwickeln zum Beispiel eine sehr intensive Beziehung, die aber nicht romantisch oder sexuell gedacht ist, sondern eher fürsorglich.“ Aus diesem Zusammenspiel von Wut und Liebe soll schließlich eine kollektive Stimme erwachsen, ein ebenfalls namenloses, aber zugleich deutlich vernehmbares „Etwas“, das nach Veränderung schreit. Und vielleicht beim Publikum einen kleinen Funken des Umdenkens entfacht.
Tabak | 30.11. (P), 4., 6.12. je 20 Uhr, 29.12. 18 Uhr | Grillo-Theater, Essen | www.theater-essen.de
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