Gleich massenhaft soll es die Körper durchzuckt haben: Als Tanzwut, Tanzsucht, gar als Tanzpest oder Choreomanie wurde ein Phänomen beschrieben, bei dem sich Gruppen im späten Mittelalter versammelten und gemeinsam lostanzen. So lange, bis sich irgendwann eine Trance einstellte – oder Erschöpfung. Manche setzten dafür Tiermasken auf, andere entschieden sich für Teufels- und Totenköpfe – als Zeichen an die Dämonen, die man als Ursache dieser Tänze wähnte. Und als Vergewisserung: Das dionysische Treiben könnte im Tod enden.
Mette Ingvartsen holt diese manischen Maskenbälle mit „Delirious Night“ in die Gegenwart. Neun Performer:innen befassen sich mit der Frage, wie die Tanzwut des Mittelalters in heutigen Krisen aussehenkönnte. Zur Livemusik des australischen Schlagzeugers und Perkussionisten Will Guthrie formieren sich die Bühnenakteure, oberkörperfrei und mit Tier- oder Totenschädelmasken vor den Gesichtern, zu einem energetischen Bündel irgendwo zwischen Konzert, Feier und Maskenball.
Die dänische Choreografin lässt die Bühne in eine nächtliche Atmosphäre tauchen. Womit sie keine düstere Stimmung heraufbeschwören will, sondern den Ausnahmezustand einer rauschhaften Nacht:Tanzen, Klatschen, Singen, Schwitzen, Trommeln. Die kollektive Trance sollte nicht als Weltflucht verstanden werden: In der Ekstase drückt sich auch eine physische Antwort auf eine überfordernde Gegenwart aus. „Doomdancing“ statt „Doomscrolling“.
Gleichzeitigschlägt Ingvartsen einen Bogen von der Tanzwut im Mittelalter zur Debatte um den Pariser Neurologen Jean-Martin Charcot im 19. Jahrhundert. Dieser stellte angebliche Hysterikerinnen öffentlich aus – mit dem „Bal des folles“ der Klinik Salpêtrière tanzten sie in einem Hybridformat aus Show und fragwürdiger, patriarchaler Forschung.
Geschlechtsdarstellungen aus solchen Zwängen zu befreien, zieht sich wie ein roter Faden durch Ingvartsens Werk – z.B. im ebenfalls auf PACT Zollverein aufgeführten „Moving in Concert“, das sich mit dem Verhältnis zwischen Körper und Technologie befasst.
Delirious Night | 30., 31.1 je 20 Uhr | PACT Zollverein, Essen | 0201 289 47 00
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Bett trifft Ballett
„Frida“ am Dortmunder Ballett – Tanz an der Ruhr 02/26
Keine Entspannung
Kulturmanagerin Mechtild Tellman über die Zukunft des Tanzes – Tanz in NRW 02/26
Spiel mit der Psyche
Hofesh Shechter gastierte mit seiner Tanzkompanie in Köln – Tanz in NRW 01/26
Tanzbein und Kriegsbeil
Filmdoku in Düsseldorf: Urban Dance in Kiew – Tanz an der Ruhr 12/25
Tanz schärft die Sinne
IP Tanz feiert 30. Geburtstag – Tanz in NRW 12/25
Wachsende Szene
Das 5. Festival Zeit für Zirkus startet in NRW – Tanz in NRW 11/25
Tanz der Randfiguren
„Der Glöckner von Notre-Dame“ in Essen – Tanz an der Ruhr 11/25
Tanz gegen Kolonialismus
„La Pola“ im Rautenstrauch-Joest-Museum – Tanz in NRW 10/25
Körper und Krieg
„F*cking Future“ auf PACT Zollverein in Essen – Tanz an der Ruhr 10/25
Wissen in Bewegung
Das Sachbuch „Die Philosophie des Tanzens“ – Tanz in NRW 09/25
Im Körper graben
„Every-body-knows…“ auf PACT Zollverein – Tanz an der Ruhr 08/25
Komme ich gut an?
„It‘s Me“ im Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs Köln – Tanz in NRW 08/25
Gemeinsam gegen einsam
„Wo sind denn alle?“ am Moerser Schlosstheater – Prolog 02/26
„Ein ungewöhnlicher Frauencharakter“
Dramaturgin Patricia Knebel über die Oper „Die Fritjof-Saga“ am Essener Aalto-Theater – Interview 02/26
„Das Stück stellt uns vor ein Dilemma“
Regisseurin Mateja Koležnik über „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ in Bochum – Premiere 02/26
Zurück in den Sumpf!
Jean-Philippe Rameaus „Platée“ am Theater Hagen – Bühne 02/26
Witz, Tempo, Herz
Paul Abrahams Operette „Märchen im Grand-Hotel“ in der Oper Dortmund - Bühne 02/26
Das eigentliche Böse
„Deep Sea Baby“ im Mülheimer Ringlokschuppen Ruhr – Prolog 01/26
Die Flut aus toten Körpern
„Staubfrau“ am Theater Oberhausen – Prolog 01/26
„Eine Referenz auf Orte im Globalen Süden“
Regisseur:in Marguerite Windblut über „Der Berg“ am Essener Grillo-Theater – Premiere 01/26
Praktisch plötzlich doof sein
Helge Schneider präsentiert seine neue Tour – Prolog 12/25
Der böse Schein
„Söhne“ in der Moerser Kapelle – Prolog 12/25
„Totaler Kulturschock. Aber im positiven Sinn“
Schauspielerin Nina Steils über „Amsterdam“ am Bochumer Schauspielhaus – Premiere 12/25