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Foto: Bea Borgers

Manischer Maskenball

19. Dezember 2025

„Delirious Night“ auf PACT Zollverein in Essen – Tanz an der Ruhr 01/26

Gleich massenhaft soll es die Körper durchzuckt haben: Als Tanzwut, Tanzsucht, gar als Tanzpest oder Choreomanie wurde ein Phänomen beschrieben, bei dem sich Gruppen im späten Mittelalter versammelten und gemeinsam lostanzen. So lange, bis sich irgendwann eine Trance einstellte – oder Erschöpfung. Manche setzten dafür Tiermasken auf, andere entschieden sich für Teufels- und Totenköpfe – als Zeichen an die Dämonen, die man als Ursache dieser Tänze wähnte. Und als Vergewisserung: Das dionysische Treiben könnte im Tod enden.

Mette Ingvartsen holt diese manischen Maskenbälle mit „Delirious Night“ in die Gegenwart. Neun Performer:innen befassen sich mit der Frage, wie die Tanzwut des Mittelalters in heutigen Krisen aussehenkönnte. Zur Livemusik des australischen Schlagzeugers und Perkussionisten Will Guthrie formieren sich die Bühnenakteure, oberkörperfrei und mit Tier- oder Totenschädelmasken vor den Gesichtern, zu einem energetischen Bündel irgendwo zwischen Konzert, Feier und Maskenball.

Die dänische Choreografin lässt die Bühne in eine nächtliche Atmosphäre tauchen. Womit sie keine düstere Stimmung heraufbeschwören will, sondern den Ausnahmezustand einer rauschhaften Nacht:Tanzen, Klatschen, Singen, Schwitzen, Trommeln. Die kollektive Trance sollte nicht als Weltflucht verstanden werden: In der Ekstase drückt sich auch eine physische Antwort auf eine überfordernde Gegenwart aus. „Doomdancing“ statt „Doomscrolling“.

Gleichzeitigschlägt Ingvartsen einen Bogen von der Tanzwut im Mittelalter zur Debatte um den Pariser Neurologen Jean-Martin Charcot im 19. Jahrhundert. Dieser stellte angebliche Hysterikerinnen öffentlich aus – mit dem „Bal des folles“ der Klinik Salpêtrière tanzten sie in einem Hybridformat aus Show und fragwürdiger, patriarchaler Forschung.

Geschlechtsdarstellungen aus solchen Zwängen zu befreien, zieht sich wie ein roter Faden durch Ingvartsens Werk – z.B. im ebenfalls auf PACT Zollverein aufgeführten „Moving in Concert“, das sich mit dem Verhältnis zwischen Körper und Technologie befasst.

Delirious Night | 30., 31.1 je 20 Uhr | PACT Zollverein, Essen | 0201 289 47 00

Benjamin Trilling

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