Über 100 Jahre nach ihrer Fertigstellung hat die einzige Oper der Schwedin Elfrida Andrée szenische Uraufführung. Das Aalto-Theater zeigt sie in ihrer Reihe vergessener und übersehener Werke aus der Feder von Frauen.
trailer: Frau Knebel, wie ist das Aalto-Theater auf diese Oper gekommen? Immerhin stammt deren Text von der ersten Literaturnobelpreisträgerin, Selma Lagerlöf.
Patricia Knebel: Ausgangspunkt war die konzertante Uraufführung der Oper 2019 in Göteborg, die vom Rundfunk übertragen wurde. Die stieß ein Seminar am Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth an, mit dem unsere Intendantin Merle Fahrholz eng zusammenarbeitet. So wurde uns dieses Stück vorgeschlagen. Der erste Hör-Eindruck von der auf der Musik der Oper basierenden „Fritjof-Suite“ hat Interesse geweckt. Davon ausgehend hat die Recherche begonnen und sich mit Kontakt nach Göteborg ein, wenn man so will, Materialnetz gebildet.
Andrée und Lagerlöf hatten sich mit der „Fritjof-Saga“ beim 1894 ausgeschriebenen Wettbewerb zur Eröffnung des neuen königlichen Opernhauses in Stockholm beworben, zu einer Aufführung kam es jedoch nicht. Hat die Komponistin ihr Werk jemals gehört?
Es gab 1899 eine Aufführung von Teilen der Oper im privaten Rahmen, sozusagen unter den Ohren Andrées. Nicht ganz klar ist, ob es eine weitere derartige Aufführung gab. Erst 2013 hat die Wermland Opera in Karlstad in Schweden – die übrigens am 26. Februar eine Oper über Selma Lagerlöf uraufführt – Teile der Oper in reduzierter Orchesterbesetzung und ohne Mitwirkung des Chores aufgeführt, unter der Leitung des aus Bochum stammenden damaligen Chefdirigenten Henrik Schaefer. Mit ihm konnte ich mich bei einem Komponistinnen-Symposion in Kopenhagen austauschen, bei dem das Aalto-Theater Kooperationspartner war. Schaefer hat den Anstoß für die vollständige Aufführung der „Fritjof-Saga“ 2019 in Göteborg gegeben, wo er Musikdirektor war. Wir bringen jetzt in Essen die szenische Uraufführung.
Der Name der Komponistin ist in Deutschland unbekannt. In Schweden dagegen werden ihre Orgelwerke und -konzerte aufgeführt. Wer war Andrée?
Sie war eine sehr emanzipierte Frau, ich würde fast schon sagen, eine Aktivistin. Was sie in jungem Alter durchgesetzt hat, ist bemerkenswert. Sie kommt aus einem gebildeten Elternhaus, hatte die Unterstützung beider Eltern. Ihre Schwester wurde später eine berühmte Sängerin. Sie hatte ein Netzwerk, auf das sie sich verlassen konnte. Ihr Vater hat sie ermutigt, Perspektiven zu entwickeln. Sie wollte musizieren und komponieren. Das war zunächst nur im privaten Rahmen machbar. Aber sie hat es geschafft, eine Gesetzesänderung durchzusetzen, die es ihr ermöglicht hat, als erste Frau in Europa an einem Dom – in Göteborg – Organistin zu werden. Da war sie gerade einmal 26 Jahre alt!Andrée ist schon mit 14 nach Stockholm gezogen, um Orgel zu studieren, musikalische Einflüsse aufzunehmen und wichtige Persönlichkeiten zu treffen. Sie war Schülerin von Niels Gade, hat in Leipzig die Musik ihrer Zeit kennengelernt und wurde schließlich wegen ihrer Verdienste in die Schwedische Musikakademie gewählt. Sie hat sich für breite Bildung stark gemacht, zahlreiche Volkskonzerte gestaltet. Als Frauenrechtlerin hat sie u.a. durchgesetzt, dass Frauen als Telegrafistinnen arbeiten durften. Ich finde das aus heutiger Perspektive wahnsinnig beeindruckend, vor allem, weil sie auf viele Widerstände gestoßen ist, aber trotzdem ihren Weg gegangen ist.
Zeigt sich diese progressive Haltung auch in der Oper? Die Handlung um Macht und unmögliche Liebe wirkt zunächst konventionell: Der einfache Wikinger Fritjof ist in Ingeborg verliebt, die Schwester des Königs Helge. Der aber ist gegen die Verbindung, Ingeborg muss stattdessen den feindlichen König Ring heiraten.
Zunächst haben wir es mit einer Geschichte aus der Wikingerwelt zu tun, die heute in Serien und Spielen sehr präsent ist, aber in der Regel auf Männer konzentriert ist. Diese männliche Sichtweise haben Andrée und Lagerlöf aufgebrochen. Das Stück heißt „Fritjof-Saga“, könnte aber genauso gut „Ingeborg-Saga“ heißen. Die Geliebte Fritjofs spielt als starke Frauenfigur eine wichtige Rolle: weise, abgeklärt, reflektiert. Sie muss, wie die meisten weiblichen Opernfiguren des 19. Jahrhunderts, viel durchleiden. Aber sie erduldet alles mit unglaublicher Ruhe und Größe. Ein ungewöhnlicher Frauencharakter, durchaus ein Opfer, aber auf eine selbstbestimmte Art. Sie weiß, warum sie alles ertragen muss für ihr Land und die Menschen, die ihr wichtig sind. Am Ende der Oper gewinnt sie sogar „staatsmännische“ Züge.
Es gibt noch eine Gegenspielerin, die Königin Guatemi …
… eine Figur, die Lagerlöf erfunden hat und die es in der Quelle des Librettos, einem Versepos des romantischen Lyrikers und Bischofs Esaias Tegnér, nicht gibt. Sie ist schwer zu entschlüsseln, eine mysteriöse, manipulative Person, deren Motive geheimnisvoll bleiben. Das Zusammenspiel der beiden Frauen bringt ein facettenreiches Frauenbild in dieses Stück hinein. Das Stück beginnt schon mit einem Frauenchor und einer Gruppe von Solistinnen. Wir lernen, was es für Frauen bedeutet, wenn Männer Krieg führen. Die „Fritjof-Saga“ hat in der Struktur und der Zeichnung der Figuren eine klare Setzung.
Was für eine Musik schreibt Andrée zu dieser Oper, in der Frauen eine ungewöhnlich wichtige Rolle einnehmen? Wie ist sie einzuordnen, mit wem lässt sie sich vergleichen?
Ich würde sie als eine romantische Oper bezeichnen. Und ich glaube, sie lässt viele Einflüsse spüren: Felix Mendelssohn Bartholdy auf jeden Fall, und Robert Schumann. Andrée hat bei Niels Gade studiert, den hört man auch, dann auch Edvard Grieg und Einflüsse aus Deutschland, wo sie drei Mal zu Besuch war und vergeblich versucht hat, ein Orgelkonzert zu spielen. Man meint sogar den frühen Wagner zu hören. Also ein breites Spektrum. Auch ihre Beschäftigung mit schwedischer Volksmusik hat sich niedergeschlagen: Wir finden viele Tänze und einen folkloristischen Chor.
Also ein Stück mit internationaler Verknüpfung.
Auf jeden Fall!
Die Fritjof-Saga | 7. (P), 15.2., 8., 14., 18., 20.3., 9.4. | Aalto-Theater Essen | 0201 8122 200
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