Die schönen Momente sind längst vorbei für die Gräfin Rosina. Wir kennen sie aus dem „Barbier von Sevilla“, wo der findige Figaro ihren berechnenden Vormund austrickst: Er öffnet Rosinas Verehrer „Lindoro“ den Zugang zu der eingesperrten Frau – und der Unbekannte enthüllt ihr zum Happy End seine wahre Identität: Graf Almaviva.
Jetzt ist die Gräfin oft einsam und ihr Ehemann schaut anderen Frauen am Hof nach: etwa der jungen Gärtnerstochter Barbarina oder der Braut des inzwischen zum Kammerdiener avancierten Figaro, Susanna. Bei der würde er gerne das antiquierte adlige Recht auf die „erste Nacht“ einlösen. Doch seine Bediensteten sind ihm gewachsen. Vor allem die gewitzte Susanna weiß sich zu retten und außerdem ihren Zukünftigen von seiner Eifersucht zu heilen. Nebenbei wird auch die Abstammung Figaros geklärt, erhalten Graf und Gräfin eine Chance auf erneuerte Zuneigung und findet ein pubertierendes Jüngelchen einen Hafen für sein zwischen den Frauen irrlichterndes Begehren.
Wolfgang Amadeus Mozart und sein Textdichter Lorenzo da Ponte haben aus den kaum nacherzählbaren Verwicklungen und Intrigen der Vorlage – Beaumarchais‘ politisch-satirischer Komödie „Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro“ – ein Meisterwerk geschaffen. Mozarts Ensemblekunst hat wohl nie wieder solche Höhen erreicht. Seine musikalische Formerfindung korrespondiert in vollendeter Harmonie mit dem Text. Die Personen des Stücks sind weitab von den Schemata der „opera buffa“ tiefsinnig beobachtete Charaktere.
Musikalisch hat Kölns neuer Generalmusikdirektor Andrés Orozco-Estrada die reizvolle wie herausfordernde Aufgabe, Mozarts facettenreiche, aber leicht wirkende Musiksprache mit dem Gürzenich-Orchester zum Klingen zu bringen. Die Regisseurin der Kölner Neuinszenierung Katharina Thoma hat mehrfach bewiesen, wie sensibel sie mit komplexen Stoffen und Figuren umgehen kann – so in Frankfurt in Wagners „Tristan und Isolde“ und in Köln in Strauss‘ „Die Frau ohne Schatten“. Als Gräfin ist die Italienerin Selene Zanetti zu erleben, Anita Monserrat aus dem Opernstudio der Wiener Staatsoper singt den Cherubino. Der junge italienische Bass Adolfo Corrado und die in Köln durch zahlreiche Rollen bekannte Kathrin Zukowski bieten als Figaro und Susanna dem Grafen die Stirn, den Germán Olvera gestaltet.
Le Nozze di Figaro | 1. (P), 4., 6., 8., 12., 18., 20., 22., 26., 28.3. | Oper Köln | 0221 22 12 84 00
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