Der arme Woyzeck gehört allen, auch euch Zuschauer:innen, seid ihr liebes oder böses Publikum. Eben denen, die schon immer wussten, dass solche Menschen eher unerwünschte Subjekte im scheinbar sauberen Environment sein müssen, die nie den Menschen, sondern immer nur ihre Hüllen betrachten und doch selbst im Innersten verdorben wie der Antichrist sind. Aber auch denen, die wissen um das endlose Leid der eigentlichen Objekte der Gesellschaft und dennoch betreten vorbeischauen und -denken. Genau diese Umgebung macht es dem leicht einfältigen Soldaten Woyzeck im Dramenfragment des deutschen Dramatikers und Dichters Georg Büchner schier unmöglich, sein einfaches kleines Leben mit Freundin und Nachwuchs zu fristen, und der Dichter wusste das genau. Die hinterlassenen 27 Szenen, die heute oft Spielmasse neuer Ansätze und fragiler Regieideen sind, lassen eben auch zu, den armen Woyzeck, der zum Mörder wird, in der Aktualität der gegenwärtigen Gesellschaft zu finden.
In Essen schaut der junge Theaterregisseur Caner Akdeniz mit einem intermedialen Ansatz auf den klassischen Text. In dem arbeitet Franz Woyzeck als Diener für seinen Hauptmann. Um etwas mehr Geld für Marie und Kind zu bekommen, verdingt er sich als Versuchskaninchen für absurde und gesundheitsschädliche Humanexperimente auch bei einem skrupellosen Arzt. Beide bringen ihn psychisch an seine Grenzen, demütigen und verlachen ihn immer wieder. Um die Lage für sich und ihr Kind zu verbessern, hat Marie eine Affäre mit einem Tambourmajor. Woyzeck hört immer wieder Stimmen, ist eifersüchtig, kauft sich ein Messer und bringt Marie am See um. Das Kind überlebt den Femizid. Für Caner Akdeniz scheinen sich die Kausalitäten immer wieder zu wiederholen, insbesondere in einer Gesellschaft, die sich der auslösenden Exklusionsmechanismen viel zu langsam stellt, und da geht es nicht um monetäre Armut, Zitat Woyzeck: „Ich glaub‘, wenn wir arme Leute in den Himmel kämen, müssten wir donnern helfen!“, sondern eher um eine, ich zitiere das Theater: „Nachhilfe von denjenigen, die gelernt haben, aus ihrem Lebensleid street credibility, fame und Profit zu generieren“. „(Making) Woyzeck“ nach Georg Büchner heißt Akdeniz‘ Version auf der kleinen Essener Ada-Bühne im zweiten Stock des Grillo-Theaters. Da ist auch eine Bar, definitiv keine Bio-Erbsen-Theke.
(Making) Woyzeck | Sa 4.11. (P) | Grillo Theater Essen (Ada) | 0201 812 22 00
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