Eine dunkle Bühne. Eine gläsern wirkende Kugel schwingt zunächst meditativ wie ein Pendel durch sparsam gesetzte Lichtstrahlen, wird von einer nur schemenhaft erkennbaren Person in immer neuen, unruhiger werdenden Schwung versetzt, bis sie sich mit einem Knall vom Seil löst und zu Boden kracht. Zurück bleiben Eisbrocken, Splitter, Wassertropfen. Schon mit diesen ersten Momenten hat das Ensemble des Théâtre de l’Entrouvert die volle Aufmerksamkeit des Publikums in den Bochumer Kammerspielen.
Gläserne Särge
Fünf Puppenspieler:innen betreten nun die Bühne, während im Hintergrund ein Schrank sichtbar wird, der Assoziationen an einen Schneewittchensarg oder den Kühlschrank Hannibal Lecters wecken. Hinter den Glastüren leblose Körper, die nun behutsam nacheinander von den menschlichen Akteuren aus ihrem kalten Gefängnis befreit und auf die Bühne gebracht werden. Jeder der Körper ist mit einem komplizierten Geflecht an Fäden verbunden, denn es handelt sich tatsächlich um lebensgroße Eis-Marionetten. Die Spielenden treten in Interaktion mit den Marionetten, mal verkörpern sie die Figur selbst, dann wiederum treten sie hinter der Marionette komplett zurück.
Eisige Glieder schmelzen
Virginia Woolfs experimentellen, im Original knapp 300 Seiten umfassenden Roman „The Waves“ in ein rund einstündiges Puppentheater zu übertragen, ist ein ehrgeiziges Unterfangen. Schon der Roman verzichtet auf tiefe individuelle Charakterzeichnungen, eine Handlung im klassischen Sinne muss aus den Monologen der sechs Erzählstimmen abgeleitet werden. Es gibt keine offensichtliche Interaktion zwischen den drei männlichen und drei weiblichen Stimmen. Das Théâtre de l’Entrouvert greift dieses Merkmal gekonnt auf, schon früh werden die Marionetten entkleidet, ihrer vorgeblichen Individualität beraubt. In all ihrer Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit stehen sie im Scheinwerferlicht, das die eisigen Glieder zum Schmelzen bringt. Das Pendel zu Beginn kann als Inkarnation Percivals interpretiert werden, jenes Charakters, der für jede einzelne der Figuren eine besondere Rolle einnahm und dessen Tod die anderen sechs zusammenbringt. Warum die Theatergruppe das Personal ansonsten von fünf auf sechs Protagonisten zusammenschrumpft, mag rein logistische Gründe haben, ist aber ansonsten nicht erklärbar.
Sprachwirrwarr
Ein Schwachpunkt der Produktion ist das Gewirr der Sprachen auf der Bühne: Englische Textpassagen werden eingespielt, die Spielenden wiederholen viele der Sätze auf Französisch. Kurze rein französische Passagen werden englisch übertitelt. So wird aus dem Text, dem wellengleichen Stream of Consciousness der Vorlage, ein undifferenzierter Geräuschteppich, der die Sprache Woolfs in den Hintergrund stellt. Hinzu kommen bisweilen sehr aufdringliche musikalische Elemente, die wie in einer schlechten Filmproduktion Dramatik behaupten, statt der schieren Wirkung der Bilder zu vertrauen. Wenn dräuende Trommeln sogar den Text übertönen, ist dies schlicht schade.
Faszinierend und verstörend
Dafür bietet das Stück umso mehr für’s Auge. Das ausgeklügelte Fadengewirr zur Bewegung der Marionetten erfordert vollen Körpereinsatz und ausgefeilte Koordination. Das stets für die Zuschauer sichtbare Spiel mit den Puppen wird selbst zur Performance. Eine der Spielerinnen entpuppt sich als Tänzerin, so dass in die ohnehin komplexe Produktion noch Elemente des Tanztheaters einfließen. Mit reichlich Wasser auf der Bühne lassen sich durch Spiegelungen und spritzende Fontänen eindrucksvolle Bilder erzeugen. Die Marionetten, deren fragile Glieder und Körper im Verlauf des Stückes brechen und bersten, faszinieren und verstören zugleich. Nach dem Schlussbild muss sich das
Publikum zunächst sammeln, bevor der Applaus einsetzt.
Mit dem Eröffnungsstück „The Waves“ des Théâtre de l’Entrouvert hat die Fidena, das Festival „Firugentheater der Nationen“, eine hochkarätige Eröffnungsvorstellung auf die Bühne gebracht. Nachdem sich die langjährige Leiterin des Festivals Annette Dabs nach immerhin 29 Jahren in den Ruhestand verabschiedet hat, vermag das neue Team um Helene Ewert und Christofer Schmidt ebenfalls mit einem großartigen Programm zu überzeugen, das unter Beweis stellt, dass Puppentheater kein Kinderkram ist.
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