Man muss sich das live und in Farbe vorstellen: In einer Grube voller Gewürm laufen nackte Menschen hilflos hin und her. Die Hände werden ihnen von Schlangen auf den Rücken gebunden, die sich zuvor durch ihr Becken gefressen haben. Schließlich bohren die Nattern ihren Opfern langsam ihre riesigen Fangzähne in den Nacken. So detailliert schildert Dante Alighieri die Schrecken im achten Kreis der Hölle. Ein Splattermovie ist nichts gegen den Horror der „Göttlichen Komödie“. Die Angst vor den Höllenstrafen paart sich allerdings mit der Lust am Beschriebenen. Kilian Land als Dante und Andreas Grothgar als sein Führer Vergil haben deshalb in Düsseldorf immer auch Sigmund Freud im Schlepptau.
Regisseur und Bühnenbildner Johannes Schütz verortet Dantes Opus magnum in den von Handwerkerstaub überzogenen Räumen des Schauspielhauses. Die Architektur von Bernhard Pfau ist selbst offener Höllenschlund und Schmerzensbau in einem. In der unterirdischen Probebühne, deren Wände mit Kreideinschriften übersät sind, gerät Dante mitten unter den Zuschauern in eine tiefe Lebenskrise – die aber eher nach ADHS oder Kokainentzug aussieht. Hibbelig wirft er sich dem auftauchenden Vergil an den Hals, der von Dantes früh verstorbener Geliebter Beatrice gesandt wurde – nur um dann in hamletischem Zögern vor dem Höllenritt zurückzuzucken. Dann geht es in den Abgrund.
Das Magazin des Schauspielhauses entpuppt sich als riesige Betongruft mit Gerüsten, in der die Blumen des Schreckens blühen. Rainer Philippi, Glenn Goltz, Karen Dahmen und Thomas Kitsche verleihen ihnen Gestalt. Bekleidet mit bedruckten Shirts („People must be punished“) formieren sie sich zu einem Opferchor: mal als Schwule, die flammenbeleckt im Kreis gehen müssen; mal als Selbstmörder, die als Pflanzenmenschen mit kleinen Ästen am Kopf Vogelschreie ausstoßen; Wahrsager tragen eine Maske auf dem Hinterkopf und tasten mit einem Stock rückwärts. Der Musiker Karsten Riedel untermalt das Geschehen mit dräuenden Klängen, Projektionen an den Wänden geben dem Doppeltrichter der Hölle ein Gesicht. Manche Bilder überzeugen, manche nicht. So eindrücklich Schütz‘ zeichenhafte Reduktion und die Lust am Spiel sein mag: Das Stationendrama zeitigt auch einen bösen Nebeneffekt: die Zerstreuung. In der Freiheit des Zuschauers hin- oder wegzusehen offenbart sich auch die Unverbindlichkeit des Gezeigten und letztlich christlicher Bußvorstellungen. Was Hölle heute sein könnte, erschließt sich dabei nicht.
Mit dem Lastenaufzug geht es zu einer Debatte über Liebe und Lust mit Wein, Wasser und Brot für alle am Tisch: eine Kommunion in mehrfachem Sinn. Am Ende begegnet Dante der geliebten Beatrice (Lieke Hoppe) im Kleinen Haus. Bühnen und Zuschauerraum als Paradies, da träumt der Theatermann. Eine Wischspur wird zum Fluss des Vergessens. Doch das Paradies ist langweiliger als der Schrecken. Mehr als ein Ehestreit und ein Himmelssightseeing sind nicht drin. Hölle (und Paradies), wo ist dein Stachel?
„Die Göttliche Komödie“ | R: Johannes Schütz | WA im Herbst | Düsseldorfer Schauspielhaus | 0211 36 99 11
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