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Regisseur Herbert Fritsch
Foto: Piero Chiussi

Gedanken aus dem Giftschrank

29. November 2018

Alternative Gedanken in Bochum und Dortmund – Prolog 12/18

„Das hat dir der Teufel gesagt!“ – das Rumpelstilzchen war schon ein böser Bube. Das gleiche Urteil traf im 18. Jahrhundert auch Marquis de Sade, der die Unmoral zur Obsession machte. „Mütter, macht euren Töchtern die Lektüre zur Pflicht“, so empfahl er 1795 sein Werk „Die Philosophie im Boudoir“. Da führen Adelige und ein paar der damaligen Upper-Class (wer hatte auch sonst Zeit für sowas!) ein junges Mädchen in die Sexualität ein. De Sade war da gerade einem Todesurteil und dem Kerker wegen Geisteskrankheit entronnen. Dennoch: Napoleon lässt am Ende des Jahres in Paris einen royalistischen Aufstand mit schwerem Geschütz zusammenschießen. Die Geschichte vom Rumpelstilzchen gab es damals auch schon. Herbert Fritsch wird die lustvolle Fantasie aus der französischen Revolution auf die große Bühne in Bochum heben, extreme Gedanken brauchen extreme Ankerplätze. Für ihn hat De Sade das Dokumentarische überwunden, von dem wir immer denken, es führe zu irgendwelchen Wahrheiten. Man darf gespannt sein, denn die als Pamphlet verschriene Lektüre über lasterhafte Lehrmeister und ihr Hobby „Erziehung junger Damen“ bleibt bis heute diskutabel, insbesondere der beispielslose Gewaltakt am Ende.

Ein paar Kilometer weiter kämpfen auch in Dortmund Menschen um Wahrheiten. Allerdings haben sie sich die Realität selbst zusammengeschustert und sind reingefallen auf ein geschicktes Rumpelstilzchen – das bei Molière „Tartuffe“ heißt – und bemüht ist, sein falsches Büßergewand zu versilbern. Herausgekommen ist so eine der teuflischsten Komödien der Weltliteratur und eines der wohl absurdesten Happy Ends der Theatergeschichte. Aber vielleicht findet Regisseur Gordon Kämmerer ja eine neue Adaption, beim Ringen einer Familie mit den geschickten Boshaftigkeiten eines Betrügers, der auch vor amourösen Abenteuern nicht zurückschreckt. Ein Fehler? Nun, man wird sehen wie sich der Hausherr und seine Mutter in den religiösen Fallstricken verirren, wie Haus und Hof verloren gehen – oder doch nicht. Ein Geisterreiter wird das bei „Tartuffe“ wie immer klären.

„Die Philosophie im Boudoir“ | R: Herbert Fritsch | 22.12.(P), 4.1. 19.30 Uhr, 23.12. 17 Uhr, 27.12. 19 Uhr, 31.12. 16 u. 20 Uhr | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

„Tartuffe“ | R: Gordon Kämmerer | 1.12.(P), 8., 22., 31.12., 12.1. 19.30 Uhr | Schauspielhaus Dortmund | 0231 502 72 22

PETER ORTMANN

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