Endlich Urlaub. Warmer Wind. Die untergehende Sonne. Sie sitzen im Straßencafé und schlürfen ahnungslos ihren Latte Macchiato – sagen wir in Dresden. Plötzlich Getrappel, Stiefelschlagen, wüste Rufe. Das selbst ernannte Volk tritt auf. Gegen alles. Von der Impfung bis zum Schulunterricht. Und laut sind sie, viele sind sie. Das schüchtert nicht nur ein – es fasziniert auch viele, die immer ängstlich im Schatten bleiben, die nicht gesehen werden, die Angst um alles haben, um Platz, Besitzstand und Zukunft. Immer mehr sinken in die brodelnde Masse, generieren Feindbilder, woraus auch immer. Man wird es ihnen schon sagen. Und was tun Sie am Straßenrand? Ihren Latte weiterschlürfen? Sie sehen die Misere, analysieren die Fakten, beschreiben das braune Phänomen. Aber im Klo runterspülen sollen es die anderen.
Sie sind gemacht für die Figur des Logikers in Eugène Ionescos Theaterstück „Die Nashörner“, das im kommenden Monat am Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere hat. Neu ist der immer wieder auftauchende Hang zum schlichten Weltbild ja nicht. Die Erde als Scheibe und Frauen als zweite Wahl der Schöpfung, mein Gott, ausgerottet ist das noch lange nicht. Ionesco hat das alles schon in den späten 1950ern beschrieben als Reaktion auf die politischen Verwerfungen in den 1930er Jahren. Seine Uraufführung hatte das Stück übrigens am 31. Oktober 1959 am Düsseldorfer Schauspielhaus. Die ewig Gestrigen sind bei ihm Nashörner. Fett, massig und mit einem riesigen Horn auf der Stirn. Also sehr genau zu erkennen, was man ja heutzutage auch gerne hätte. Wie heute und anno dazumal werden sie erst einmal verharmlost, belächelt und unterschätzt. Bis die Rhinozerosse die Mehrheit sind – und sich die anderen dem großen Grunzen hinzugeben versuchen. Schließlich wollen sie mit der Zeit gehen, so braun und dunkel sie auch sein möge. Seien wir gespannt, was Regisseurin Selen Kara und das Ensemble im Advent aus diesem absurden Theater in einer Neuübersetzung von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel machen. Eine Kerze brennt da schon. Überlassen wir sie nicht den Hanseln dieser Welt. Und – ganz wichtig–, die bedrohten echten Unpaarhufer können nichts dafür.
Die Nashörner | 12. (P), 19.12. | Düsseldorfer Schauspielhaus, Großes Haus | www.dhaus.de
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Ein Vater macht Theater
„Der Theatermacher“ im Düsseldorfer D‘Haus
Ein Fake für den Nobelpreis
„Der Fall McNeal“ in Düsseldorf – Prolog 08/25
Was wirklich in den Sternen steht
„Liv Strömquists Astrologie“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Prolog 02/25
Offen und ambitioniert
Andreas Karlaganis wird neuer Generalintendant in Düsseldorf – Theater in NRW 12/24
Die Erbsen sind immer und überall
„Woyzeck“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Prolog 02/24
Unberührbare Souveränität
Frank Wedekinds „Lulu“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Theater Ruhr 03/20
Die Macht, ihr Preis und die Tradition
Düsseldorfer Schauspielhaus feiert 50-jähriges Bestehen – Theater in NRW 01/20
Donna Quichotta der Best Ager
„Linda“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Theater Ruhr 01/20
Lulle und Enterhaken
„Ein Blick von der Brücke“ im Düsseldorfer Schauspielhaus – Theater Ruhr 05/19
Schlachtfeld der Phantasie
„Hamlet“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Theater Ruhr 03/19
Küchenpsychologie der Macht
„Momentum“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Theater Ruhr 01/19
Wie es den Kwants gefällt
Philipp Löhles „Die Mitwisser“ in Düsseldorf – Theater Ruhr 06/18
Bad Feeling vs. Feel-Good
„Der Sandmann“ in Düsseldorf und „Natürlich blond“ in Wuppertal – Musical in NRW 12/17
Travestie und Lumpenchic
Brechts „Dreigroschenoper“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Theater Ruhr 12/17
Mäzene bitte melden!
Düsseldorf saniert sein Schauspielhaus mit Spenden – Theater in NRW 11/17
Freiheit gegen Tyrannei
„Die Räuber“ am Bochumer Schauspielhaus – Prolog 06/26
„Die Szene ist noch sehr lebendig“
Leiterin Franziska Werner über das Impulse Festival 2026 in NRW – Premiere 06/26
Schrecken aus Eis und Finsternis
Fidena in Bochum: Marionetten aus Eis gleiten auf Virginia Woolfs Wellen – Bühne 05/26
Der Tod am Anfang
„Radio and Juliet“ am Theater Dortmund – Tanz an der Ruhr 05/26
Die Umschulung des Übels
„Adams Äpfel“ am Moerser Schlosstheater – Prolog 05/26
„Kunst kann helfen, auf die Welt zu reagieren“
Intendant Olaf Kröck über die Ruhrfestspiele Recklinghausen 2026 – Premiere 05/26
Abstieg in die Fleischerei
„Faulender Mond“ am Essener Grillo-Theater – Prolog 05/26
„Ich habe mich ausgetobt in verschiedenen Genres“
Komponist Samuel Penderbayne über „Die verzauberte Stadt“ am Aalto-Theater Essen – Interview 05/26
Kein Märchen von übermorgen
„1984 – Dystopie 2.0“ am Düsseldorfer Central 1 – Prolog 04/26
„Figuren wie unter einem Vergrößerungsglas“
Regisseur Jakob Arnold über „Ruf des Lebens“ am Schlosstheater Moers – Premiere 04/26