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Erkundet szenisch mögliche Widerstandsformen: Elisa Müller
Foto: Dominik Lenze

Brainstorming für kommende Revolutionen

22. März 2016

Berliner Institut für Widerstand im Postfordismus in den Rottstr5-Kunsthallen

Eine beliebte Strategie politischen Theaters dieser Tage ist die Reizüberflutung: Mit schrillen Versatzstücken aus der Popkultur und einer dem Geist der Zeit absolut angemessenen Hysterie soll der Kulturliebhaber aus seinem wohligen Schlummer gerissen werden, zur Not darf es auch weh tun. Aber es gibt auch andere Strategien, ruhiger, mehr Ratio als Gefühl und fast schon akademisch. So akademisch wie auch der Name des Berliner Künstlerkollektivs, das in den Rottstr5-Kunsthallen gastierte: Das „Institut für Widerstand im Postfordismus“ ermutigte am 18. und 19. März zum „Desertieren“ – ein Kunstprojekt, teils Installation, teils Inszenierung, teils Diskussionsrunde.

Der Abend beginnt, wie eine kulturwissenschaftliche Arbeit, mit der Begriffsdefinition: Was bedeutet Desertieren? „Der Entschluss zum radikalen Bruch“, sagt die Frau, deren Gesicht auf die Wände der Kunsthalle projiziert wird, vorbei an der spinnennetzartigen Installation aus Metallstreben, neben den schweigenden Pappmascheemann an der Kopfseite des Raumes „Ich desertiere, weil ich denke“, sagt sie. „Gehorsam führt zu Entfremdung.“ Dann betritt Elisa Müller den Raum, in einem Monolog mimt sie den Archetyp des Deserteurs. „Ich bin Totalverweigerin. Ich stehe für keinen Dienst zur Verfügung.“ Schon 15 000 mal wurde sie dafür gehängt, verfolgt, gefoltert. Die vierte Wand löst sich langsam auf, noch merkt es nicht jeder im Publikum. „Ich hab‘ geschafft. Ich hab mich aus dem System befreit“, sagt sie. Der Abend bekommt etwas sektiererisches, geheimnisvolles. Aber mit einem Touch von Selbsthilfegruppe. Schließlich rollt Müller ein noch leeres Plakat auf, das Publikum bildet einen Stuhlkreis und man sammelt handfeste Strategien des Desertierens vom Neoliberalismus: Einsiedlertum. Zurück zur Natur. Ein Umspannwerk sabotieren (alles klar, Mr. Durden). Die Vorschläge sind auf‘s Papier gebracht, der Abend endet.

Vor gefühlten Dekaden, bevor sich Menschen eigenmächtig von A nach B bewegten und daraufhin die Mär vom Untergang des Abendlandes mal wieder topaktuell wurde, war Kapitalismuskritik, beziehungsweise die Kritik am Neoliberalismus, ein beliebtes Thema. Wichtig ist sie immer noch. Vielleicht auch wichtiger als das x-te Fluchtdrama. Das Berliner Widerstands-Institut bleibt von der Kultur-Sirene „Flüchtlingskrise“ erfrischend unberührt – das ist erst einmal die gute Nachricht.

Doch ob ein nur ansatzweise künstlerisch inszenierter Diskussionsabend, zurückhaltend dekoriert mit einer unaufdringlichen Installation, wirklich der kulturelle Impact ist, um das Thema wieder auf die Agenda zu setzen, bleibt fraglich. Sagen wir es so: Das politische Reizüberflutungs-Theater schmeißt den Zuschauer aus seinem gemütlichen Bett, mit aller notwendigen Gewalt, doch lässt ihn oft zurück mit der Frage: Was ist nun zu tun? „Desertieren“ – das tatsächliche Desertieren und das Berliner Kunstprojekt – bietet tatsächlich Wege zur Antwortfindung. Nur wer noch schläft, wird diesen Weg nicht gehen.

Dominik Lenze

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