Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
27 28 29 30 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10

12.479 Beiträge zu
3.734 Filmen im Forum

Uralte indische Tradition gab es auf der Bühne des Prinz-Regent-Theaters
Fotos: Dominik Lenze

Experimentell, traditionell und international

07. Mai 2016

Dreimal Fidena am 5.5. in Bochum – Theater 05/16

Das Ramayana gehört zu den Grundbausteinen der indischen Kulturgeschichte, wie Homers Odyssee zu unserer. Doch was verstehen wir von dieser fast 2000 Jahre alten Geschichte, hier in Europa, die aus einer ganz anderen Welt zu kommen scheint? Anurupa Roy setzte im Rahmen der Fidena, dem internationalen Figurentheaterfestival im Prinz-Regent-Theater Bochum, einen Teil der Geschichte für uns in Szene.

Es ist die Geschichte des Rama, Re-Inkarnation des großen Hindu-Gottes Vishnu. Und um seine entführte Frau Sita zurück zu gewinnen braucht er eben keine transzendente und abstrakte göttliche Kraft, sondern die sinnliche Kraft des Tieres – er verwandelt sich in einen Affen. Im wie von Mondschein beschienenen Theatersaal setzt sich einer der Puppenspieler eine Maske auf, hüpft durch die Zuschauerreihen und knurrt die Leute bedrohlich an. Und während er noch mit Drohgebärden beschäftigt ist, erscheint Sita: die Puppe liegt auf einem Altar, beleuchtet wie eine Trophäe. Die Chance ist vertan und am Ende geht alles im Feuer der Eifersucht zugrunde, Rama bleibt einsam auf seinem Thron zurück, eine hölzerne Puppe mit stählernem Blick.

Rama ist einer dieser menschlichen Götter, die hier in Europa viel zu früh gestorben sind: Er ist eifersüchtig und jähzornig, vergräbt sich in Liebeskummer, macht Fehler. Es ist bezeichnend, dass es in dieser hinduistischen Erzählung nicht um eine Mensch- sondern Tierwerdung Gottes geht. Dem folgt auch Roys Figurentheater: Es ist eine Inszenierung animalischer Energie, so kunstvoll, dass man sich ihr ganz hingeben kann.

Drei Spieler hauchen der hölzernen Rama-Puppe Leben ein

Die Künstler-Kombo um den Belgier Marten Seeghers macht es einem weniger leicht, sich ihrer Kunst hinzugeben: „O. Or the Challange Of This Particular Show Was To Have Words Ending in O“, so der Titel ihrer Darbietung in den Kammerspielen, ist künstlerische Verweigerungshaltung in Höchstform: Ein bis ins Unerträgliche verzerrtes Cello, Krach baut sich zum lautstarkem Pumpen einer brutalen Maschine auf, ein Tänzer hüpft zögerlich auf der spartanisch eingerichteten Bühne umher und sagt immer wieder „Up.“

Was ist hier los? „We don't know“, steht auf dem rosa Schal von Fritz Welch. Eigentlich haben Sie ja Recht: Woher sollen sie denn wissen, was das Publikum erwartet hat? Sie wissen nur: Die brutale Maschinerie des Kulturbetriebs läuft stur weiter, wir hören sie Pumpen und Trommeln. „We all know“, steht schließlich auf der anderen Seite des Schals. Und als Simon Lenski zum Schluss wieder zum Cello greift, zucken einige im Publikum schon angsterfüllt zusammen, doch er stimmt bloß ein sanftes Klagelied an. Eine großartige Rache der Kunst an ihrem Publikum – mit anderthalb Stunden vielleicht ein wenig lang, aber es soll ja auch weh tun.

Den Schalk im Nacken, das Kamel in der Hand: Puppenspieler Ariel Doron in den Rottstr5-Kunsthallen

Entspannung bietet da das Festivalzentrum der Fidena an der Rottstraße. Den Abschluss dieses facettenreichen Fidena-Tages macht der israelische Puppenspieler Ariel Doron mit Pinhas – und sorgt für heitere Lacher zu später Stunde. Das ulkige Kasperletheater aus dem Kibbuz hat aber auch seine Tiefe: Das antisemitische Narrativ von den Juden als „Christusmörder“, die mit der Shoah ihre Strafe bekommen haben, greift Ariel Doron auf, doch nicht der rotzfreche Pinhas bekommt letztlich auf die Mütze, sondern ein herrlich ins Lächerliche gezogener Hitler.

Von der versunkenen Mythenwelt des alten Indiens über lautstarke Dada-Attacken bis zum israelischen Puppenklamauk – beeindruckend, weche Bandbreite die Fidena an nur einem Tag abdeckt.

Dominik Lenze

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss

Lesen Sie dazu auch:

Dekadenz und Obsession
„Der große Gatsby“ an den Bochumer Kammerspielen – Prolog 06/22

Junge Cyborgs und alte Zwerge
Festival FIDENA im Ruhrgebiet – Prolog 05/22

„Wir müssen in der Lage sein zu spielen“
Hans Dreher vom Prinz Regent Theater über die Arbeit während Corona – Premiere 08/20

„Gut, wenn man auch mal über Liebe spricht“
Leiterin Annette Dabs zur Absage der Fidena und den Grand Prix d‘Amour – Premiere 05/20

2 Stunden, 2 Spieler, 2 Stücke
Neue Dramatik im Prinz Regent Theater – Bühne 04/20

Von Jahoo, einem Unsichtbaren und Prinzessinnen
Ruhr-Theater-Ostereier im April – Prolog 03/20

Das ewige Prinzip Projektion
Das winterlich Weibliche im kurzen Monat – Prolog 01/20

Bühne.

Hier erscheint die Aufforderung!