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Katharina Birch
Foto: Akka Olthoff

„Im Gefängnis sind alle gleich“

27. Februar 2024

Regisseurin Katharina Birch über „Die Fledermaus“ an den Bochumer Kammerspielen – Premiere 03/24

Katharina Birch inszeniert die auf der Komödie „Das Gefängnis“ von Roderich Benedix basierenden Operette von Johann Strauss mit Schauspielstudierenden der Folkwang Universität der Künste.

trailer: Frau Birch, Komik ist am Theater nicht leicht zu erzeugen. Ist das nicht zu gefährlich für die Schauspielstudierenden?

Katharina Birch:
Komik ist die Meisterklasse und bedarf intensiver und genauer Arbeit. Gleichzeitig liegt im Humor ganz viel Spiellust, und genau da möchte ich die Studierenden abholen. Vor etwas weniger als einem Jahr habe ich die Gruppe das erste Mal getroffen, und mir war schnell klar, wie spielwütig und temporeich die Studierenden sind. Ich habe sie außerdem als sehr musikalisch erlebt. Auch deshalb ist die Wahl auf eine Operettenvorlage gefallen: Ich sehe da eine schöne Chance für die Studierenden, intensiv ins Spielen zu kommen. Letztlich ist es ja das, was sie später machen wollen: Auf Bühnen stehen und Geschichten erzählen und gestalten. Die Bühne ist immer ein Ort der Verwandlung und des Spielens – im wahrsten Sinne des Wortes. Und das findet sich gerade in der Fledermaus wieder, da es im zweiten Akt den Maskenball gibt, also quasi ein Spiel im Spiel.

Singen können alle schon?

Sie können alle singen. Da gibt es durchaus Unterschiede von Jahrgang zu Jahrgang, aber ich habe das große Glück, eine Truppe von 11 Spieler:innen zu haben, die unterschiedliche Musikalität mitbringen. Abgesehen davon ist alles das, was sie jeweils mitbringen, Spielmaterial. Nicht immer geht es darum, möglichst „richtig“ singen zu können.

Bleibt es ein Stück über Drogen?

Sagen wir lieber: Es geht um Zustände von Rausch.

Wie interdisziplinär wird die Inszenierung?

Vorrangig bleiben wir im Schauspiel. Wir machen keine 1:1-Operette. Schließlich studieren sie Schauspiel und nicht Operngesang. Wir nehmen das Werk von Johann Strauß als Grundlage, allerdings in einer Fassung von David Gieselmann, der vor ein paar Jahren die Dialoge neu geschrieben hat. Unser musikalisches Hauptmaterial sind zwei, drei echte Ohrwürmer aus der Fledermaus, die auf jeden Fall live gesungen werden.

„Nicht immer geht es darum, möglichst ,richtig‘ singen zu können“

Was ist das Besondere an David Gieselmanns Dialogfassung?

Zunächst hat er den Text sprachlich entstaubt. Aber das viel Spannendere – und darum haben wir uns auch für das Stück entschieden – ist, dass er Momente einbaut, in denen er Figuren aus dem Stück aussteigen lässt und die sogenannte vierte Wand durchbricht. Wir bleiben also gar nicht die ganze Zeit in dieser Operettenwelt, in der Geschichte selber, sondern es gibt diese Momente des Ausstiegs und der Reflexion. Das heißt, unsere Fledermaus endet auch etwas anders als in der konventionellen Operette.

Spielen hier auch Toiletten eine Rolle, wie es bei der Inszenierung in Graz der Fall war?

Nein, da weichen wir von der Gieselmann-Fassung ab und sind bildlich näher am Gefängnis dran. Letztendlich ist es ein nüchterner Ort am Tag nach der großen Party, ohne Glanz und Glamour: Eine große Ausnüchterungszelle. Im Gefängnis sind alle gleich, egal welchen Status man im Leben draußen hat oder hatte.

Kommen Freund:innen der „Fledermaus“, die als Höhepunkt der goldenen Ära der Operetten gilt, nicht zu kurz?

Wir sind ja an einem Theater und nicht an einem Musiktheater. Sicher gibt es ein bestimmtes Publikum, das mit dem Titel etwas anfangen kann und die entsprechende Erwartungshaltung mitbringen wird. Deshalb war es uns auch wichtig, einige echte Ohrwürmer mit reinzunehmen. Aber wir gehen auf jeden Fall freier mit dem Stoff um, weil die Fassung das hergibt. Wir sind an der Auseinandersetzung mit Operette als Genre und den darin vorkommenden Stereotypen interessiert. Es ist die Geschichte einer dekadenten Gesellschaft, die dort auf dem Maskenball vertreten ist, und die ihren Rausch auslebt, um sich selbst zu spüren, sich neu zu erfinden oder dem trüben Alltag zu entkommen. Die meisten Figuren sind im Grunde auf der Suche nach dem nächsten Kick, um sicher zu gehen, dass sie noch am Leben sind. Genau dafür gibt es sozusagen eine Kommentarebene durch Gieselmann. Es bleibt dabei aber sehr verspielt und streckenweise leicht und unterhaltsam.

Bleibt der Saal in den Kammerspielen bestuhlt?

Die Stühle bleiben drin. Da muss ich enttäuschen. Wir werden den Saal leider nicht zum Tanzen freigeben können. Lust auf gemeinsames Tanzen haben wir natürlich.

Die Fledermaus | 16. (P), 17., 22.3. | Kammerspiele Bochum | 0234 33 33 55 55

Interview: Peter Ortmann

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