Medienschlachten sind auf der Bühne längst Normalität. Niemand wundert sich mehr darüber, dass in fast jeder Inszenierung Leinwände und Videos eingesetzt werden. Doch wie fühlt es sich an, das „Live-Erlebnis Theater“ nicht direkt, sondern vermittelt über eine Kinoleinwand zu erfahren? Nicht in 3D, dafür aber in HD! Ist es dann überhaupt noch als Theater-Erfahrung zu werten?
Das renommierte National Theatre in London hält dies für möglich und trägt es mittels des Formats „National Theatre Live“ in die ganze Welt, von Argentinien bis China. KinobesucherInnen sehen nicht die Aufzeichnung einer Inszenierung, sondern erleben sie zeitgleich mit dem vor Ort anwesenden Publikum. Das Format existiert seit 2009 und gewinnt auch im Ruhrgebiet mehr und mehr an Popularität: Berühmte Inszenierungen sind so keine Flugreise, sondern nur eine Fahrt mit dem RE1 entfernt.
„National Theatre Live“ kooperiert dafür unter anderem mit dem Metropolis Kino im Bochumer Hauptbahnhof. Dort wurden die Shakespeare Tage zum Anlass genommen, sich den „Hamlet“ mit Benedict Cumberbatch in der Titelrolle per Live-Übertragung ins Haus zu holen. Mit gehörigem Aufwand werden dafür im Londoner Saal Kameras aufgebaut, die die Bühne aus verschiedenen Perspektiven filmen. So können die BochumerInnen fast näher dran sein als die LondonerInnen: Close-Ups lassen jeden Schweißtropfen und jede Träne des berühmten Hauptdarstellers sichtbar werden.
Ein Theaterpublikum verhält sich anders als BesucherInnen in einem Kinosaal. Popcorn während der Vorstellung? Ein Griff zum Smartphone? Unterhaltungen? Aus Respekt vor den DarstellerInnen und deren Live-Leistung schaffen TheatergängerInnen es meist, darauf zu verzichten. Im Kino gehört Popcorn naturgemäß dazu. Wie verhält sich das aber nun bei Theater im Kino? Mr. Cumberbatch würde schließlich nicht hören, wenn jemand am anderen Ende Europas sein „To Be or not to Be“ stören würde. Dennoch ist es während der Vorstellung auffallend still im Saal. Das Publikum in Bochum lacht und hüstelt nicht mehr oder weniger als das in London. Es ist, als würden die beiden Säle zusammengehören.
Die Inszenierung, die auf diesem hochmodernen Weg transportiert wird, ist im besten aller Sinne als klassisch zu bezeichnen. Sie kommt völlig ohne Kameraeinsatz oder Videos aus. Die Kostüme (Es Devlin) und die Bühne (Katrina Lindsay) sind „heutig“, aber die Regisseurin Lindsey Turner hat nicht versucht, das Stück auf tagespolitische Ereignisse hinzubiegen. Sie konzentriert sich auf eine psychologische Herangehensweise. Es geht einzig darum, die Geschichte zu erzählen. Und das ist – wer hätte das gedacht – überaus erfrischend.
Der Fokus liegt auf dem berühmten Hauptdarsteller, der sich verausgabt und dabei selbst übertrifft. Immer wieder geht das Licht aus und er sagt die berühmten Sätze im Spotlight. Seine Rede wirkt leicht, als würde er sie zum ersten Mal sagen und denken – das Ziel eines jeden auswendig gelernten Satzes auf einer Theaterbühne. Von Kürzungen schien die Regisseurin nichts zu halten, jeder Satz des Dramas wird in den drei Stunden der Aufführung gesprochen. Die DarstellerInnen auf der Bühne schaffen es, sich die elisabethanische Sprachweise zueigen zu machen.
Es fühlt sich nicht so an, als würde das Londoner Publikum mehr erleben als das in Bochum. Das Live-Erlebnis bleibt. Würde ein Schauspieler den Text vergessen, könnte es nicht rausgeschnitten werden, würde das Publikum anfangen zu buhen, könnte es nicht mit Konservenapplaus überdeckt werden. Applaudiert wird in Bochum am Ende zwar nicht, aber der Impuls im Saal ist zu spüren.
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