Niemand konnte es so pauschal und lapidar bündeln wie die 68er: „Trau keinem über 30!“ Das war einer dieser populären Slogans, die noch heute bezeugen, dass es der Neuen Linken nicht nur um einen Sturmlauf gegen die Institutionen ging. Nein, die 68er witterten auch einen Generationskonflikt. Was auch berechtigt war: Schließlich bekleideten mitunter Alt-Nazis die Macht- und Gewaltzentrale. Die juvenile Revolte gegen den autoritären wie konformistischen Geist fand daher eine Berechtigung und distinktive Rockhymnen wie The Whos „My Generation“.
Bis heute perpetuiert der Diskurs eines Generationskonflikts – wenn auch unter anderen Vorzeichen: vom Klimakollaps, den der Gegenwartskapitalismus den kommenden Geschlechtern beschert bis hin zur Auseinandersetzung mit einem verkrusteten Korpsgeist, der diskriminierende Polizeigewalt reproduziert. Vielleicht sind das auch Facetten, welche die Choreografin und Tanzpädagogin Eloisa Mirabassi dazu veranlassten, ihr Generationsprojekt im Ringlokschuppen Ruhr fortzusetzen. Nach „Der unsichtbare Faden“ folgt nun die Produktion „Potere“, die im April Premiere feiert.
Das befasst sich unter anderem mit den Erfahrungen, die Menschen machten, die von der Nachkriegszeit bis in die 1970er geboren wurden. Denn sowohl die „skeptische Generation“ (Helmut Schelsky), als auch die darauffolgenden Boomer stießen auf Macht und ihren Missbrauch. Schließlich wurden die Institutionen wie Familie, Schulen und Unternehmen vor der Kulturrevolution um 1968 durch hierarchische Strukturen und eine rigide Mentalität geprägt.
Eloisa Mirabassi verbindet das wiederum mit den Erfahrungen einer jüngeren Altersgruppe, die zunehmend mit Krieg und Flucht konfrontiert ist. So eröffnet sie mit „Potere“ einen Reigen, welchen 18- bis 40-Jährige mit über 55-Jährigen bereits von Oktober 2022 bis April 2023 entwickelte. Generationskonflikte, aber auch Gemeinsamkeiten werden auf der Bühne in eine choreografische Arbeit übersetzt, die durch Textelemente ergänzt werden. Im Vordergrund steht jedoch eine Tanz- und Bewegungssprache – frei nach dem Motto: „Dancing ‘bout my Generation“.
Potere | 1.4. 18 Uhr & 2.4 16 Uhr | Ringlokschuppen Ruhr | www.ringlokschuppen.ruhr
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