Vielfalt – dieser Begriff erstarrte in den letzten Jahren zur politischen Plattitüde und Marketing-Floskel. Gerade das scheint Grund genug dafür zu sein, dieser Einfalt etwas entgegenzusetzen und Vorstellungen von Vielfalt in künstlerische Bewegung oder Fantasie zu übersetzen: durch zeitgenössischen Tanz, Theater und Performance, aber auch Video und Spoken Word bis hin zu Comedy und Stand-Up-Spaß. Alle diese Sparten sind bei der diesjährigen, vierten Ausgabe des Hundertpro-Festivals vertreten.
Im Ringlokschuppen befragen im September wieder Etablierte, aber auch Nachwuchskünstler:innen auf drei Bühnen und in kurzen Slots, was Vielfalt heute bedeutet. Ja, sie kollidiert bereits an nationalistischen Phantasmagorien, welche die Menschen aufspalten: Wir und die anderen, Integrierte und Fremde. Beatrix Simkó beschäftigt sich mit diesen Konstrukten in einer transnationalen Tanzperformance, die schon im Titel eine – wenn auch verklausulierte – Absage an konformistische Volksfantasien bereithält: „Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile“.
Oder beginnt die Dekonstruktion der Normalität und Konstitution etwa schon beim Stöhnen? Darum dreht sich zumindest der Comedy-Auftritt von Aba Naia, angekündigt als „post-porn clowning performance“. Denn bekanntlich verschärft unsere durchpornografisierte Gegenwart die Geschlechterstereotype, wenn sie Rollen bei der Sexdarstellung streng aufteilt – ebenso in der Frage, wer wie zu stöhnen hat. Und seit Caroline Kebekus wissen Comedy-Fans, dass auch solche Motive als Gag-Material taugen.
Eine heikle Normalität besteht sicherlich auch in der unhinterfragten Zuweisung von Schönheits- und Hässlichkeitsmerkmalen, der sich Natalie Bury in ihrem choreografischen Balanceakt widmet. In „Fucking Beautiful Extented“ kreist ein männlich-weibliches Tanz-Duett um diese Geschlechterbilder, zu denen Erwartungen und Konventionen gehören. Bei allen diesen Fragen der Diversität sei nicht zu vergessen, dass Krieg und Hungernot seit den Eskalationen in der Ukraine, dem Sudan oder Syrien wieder zur gesellschaftlichen Normalität gehören, ein Thema in Vita Malahovas Performance mit dem Titel „Manifesto of a Bread Maker“ über die Bäckerin Baba Nina.
Hundertpro Festival | 10.9.18 Uhr | Ringlokschuppen Ruhr | 0208 99 31 60
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