Es sind Floskeln, die so einfach daher gesagt sind: „Sei ein Mann!“ „Zeig mal Eier!“ Doch diese Forderungen spielen mit einer männlichen Identität. Stärke und Sicherheit gehören zu dieser Rolle, für die es eine üppige Garderobe und einen strengen Verhaltenscode gibt: Körperhaltung, Stimme, Bewegung oder Kleidung. Wir liefern täglich eine Performance ab – ob im Betrieb oder in der Familie.
Die Performerin Saskia Rudat muss also nur auf der Bühne stehen und munter die Kleidung wechseln, das Haar binden, wieder öffnen, eine Zigarette nehmen und in eine Haltung schlüpfen. Zunächst. Denn so beginnt die One-Person-Performance mit dem umständlichen Titel „Defining (i) dentity olo dentity oio dentity (l) dentity“. Die Produktion wurde im Rahmen des Festivals Physical Fetz im Maschinenhaus Essen gezeigt und ist demnächst noch mal bei den Favoriten in Dortmund zu sehen.
Filme ohne Frauenklischees?
Saskia Rudat absolvierte den Studiengang Physical Theatre an der Folkwang Universität, für den das Essener Maschinenhaus ein Forum bietet. Doch das körperliche Moment dieser Inszenierung wird an diesem Abend schnell mit langen Textpassagen konfrontiert. Aus dem Off spricht eine Stimme über Geschlechterungerechtigkeit, die sich auch in Details widerspiegelt; etwa im „pocket privilege, also die Taschen, die nur an „Herren-Buxen“ genäht wurden. Oder die Frage, ob Filme Frauenfiguren präsentieren, die nicht Klischees verfallen? „Die meisten Filme fallen da durch!“
Doch warum ist es eigentlich so, dass Menschen anhand ihrer reproduktiven Organe bereits im Kindesalter definiert und eingeteilt werden, obwohl Sexualität erst mit der Pubertät beginnt? Binär nennen Forscher:innen dieses duale System. Und Rudat begegnet diesem mit wütendem Unverständnis und polemischer Aufklärung. Teils wissenschaftliche Passagen erläutern das Stereotyping als psychologischen Mechanismus, eine komplexe Welt auf einfache Regel und Rollen zu reduzieren.
Sexualität nach Drehbuch
Dazu gehört auch ein Raster, das festlegt, welche Emotionen erlaubt sind und welche nicht. Männer dürfen vor allem Wut und Aggressionen zeigen. Die Folgen sind Bluthochdruck oder Herzkreislauferkrankungen. „Es ist bewiesen, dass Geschlechterrollen krank machen“, sagt Rudat.
Doch Stereotyping und die binäre Einordnung reduzieren eine komplexe Welt, so referiert Rudat zum Ende der Performance förmlich. Und das reicht bis ins Bett: „Unsere Sexualität ist gescriptet“. Des Drehbuch schreibe nicht nur heterosexuelle Regeln vor, sondern weist dem Mann die dominierende Hauptrolle zu, so Rudat: „Der Penis als Zentrum des Universums“. Die kraftvolle Performance demonstriert, wie eine komplexe Welt aussehen könnte, die nicht durch stereotype Geschlechterrollen geformt ist.
Am kommenden Samstag, dem dritten und letzten Tag des diesjährigen Festivals, werden zwei Kurzstücke und ein Konzert aufgeführt.
Physical Fetz | 12.9. | Maschinenhaus Essen | 0201 837 84 24
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