Murmeln, Schreie, Flimmern. Ein Korridor aus grauen Fäden lässt die Installationen dahinter nur ahnen, bildet eine weiche, aber doch erst einmal zu überwindende Hürde im dritten Stock des Dortmunder U. Hier hat der Dortmunder Hartware Medienkunstverein (HMKV) seine Ausstellungsräume, hier zeigt er zurzeit die Ausstellung „His Masters Voice“, eine Auseinandersetzung mit der Performativität von Stimme und Sprache, ein Laboratorium über die Uneigentlichkeit und Unheimlichkeit des Sprechens, über künstlerische Arbeiten mit der Stimme als politischer Sprachakt sowie Sprache als performativer Sprechakt. Den Titel gab der schwedische Künstler und Performer Erik Bünger mit „A Lecture on Schizophonia“ (Video, 37:19 Min., 2007-2009). Sein Projekt erkundet das Phänomen der „Schizophonia“, mit der die Nervosität beschrieben wird, die erzeugt wird, wenn ein Geräusch von seiner Quelle getrennt wird. Der Begriff wurde ursprünglich von R. Murray Schäfer geprägt. In Büngers Video erklärt er in einer Vorlesung die Wirkungen dieser Trennung, die Hunde dazu bringt, Lautsprecher anzubellen (so der Terrier Nipper auf dem bekannten Schallplattenlabel nach einem Gemälde von Francis Barraud), und Kinder dazu, nach dem Mann hinter dem „sprechenden Kasten“ zu suchen.
Insgesamt 28 internationale künstlerische Projekte hat die Kuratorin und HMKV-Chefin Inke Arns für die sensitive Ausstellung zusammengetragen, darunter auch bekannte Arbeiten wie „Good boy, bad boy“ (zweikanalige Videoinstallation, 1985) vom amerikanischen Superstar Bruce Nauman, in dem ein junger Afroamerikaner und eine weiße Frau parallel an den Zuschauer dieselben 100 Sätze sprechen, deren Intonation immer böser wird, oder das 40 Jahre alte Video-Dokument von Jochen Gerz „Rufen bis zur Erschöpfung“ (Aufzeichnung einer Performance, 1972). Fast eine halbe Stunde rief der Berliner Künstler „Hallo“ in seiner ersten Videoarbeit in die leere Landschaft, dann versagte seine Stimme.
Das Bühnenbild einer Theater-Performance hat der Schweizer Regisseur Milo Rau hinter den grauen Fäden aufgebaut. Das „International Institute of Political Murder“ spielt im Originalnachbau des ruandischen Radiostudios des Senders Radio-Télévision Libre des Mille Collines (RTLM) die Sendungen von 1994 nach, in denen die (bis heute uneinsichtige) Moderatorin Bemeriki zum Völkermord in Ruanda aufrief, während sie die aktuelle Hitparade ansagte. Die immer noch tourende Performance „Hate Radio“ (auch während der Ausstellung) macht die Mechanismen von Propaganda eindrucksvoll hör- und sichtbar.
Wie politisch die Sprache zum richtigen Körper ist, zeigt die autobiografische Geschichte des Albaners Anri Sala in „Intervista“ (Video, 1998). Er fand als 23Jähriger in seinem Elternhaus eine Filmrolle eines Kongresses der Kommunistischen Partei Albaniens in den 70ern, auf der neben Diktator Enver Hoxha auch seine Mutter zu sehen ist, die dort ein Interview gibt. Allerdings fehlt die Tonspur, seine Mutter (damals 32 Jahre alt) kann sich an nichts mehr erinnern. Erst nachdem der Künstler mit Hilfe von Lippenlesern den Text rekonstruiert, kann er sie mit der Vergangenheit konfrontieren.
„His Masters Voice“ I bis 7. Juli I HMKV im Dortmunder U I 0231 496 64 20
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