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„Anastrophe Now!“
Foto: Stephan Glagla

Es war einmal der schönste Platz im Universum

27. Juli 2017

„Anastrophe Now!“ – EGfKA ruft zum Aufstand der Rückbesinnung auf – Auftritt 08/17

Der Weltraum. Unendliche Weite. Irgendwann. Irgendwo. Irgendwie heute. Wir sind längst das Krebsgeschwür im Sonnensystem. Kein Wunder, dass alle Planeten uns hassen und Sorge haben, dass sich diese Kohlenstoff-Einheiten weiter ausbreiten. Also schicken sie den ultimativen Kometen. Komisch. Hatten wir doch schon. Bibel. Sieben Engel und die böse Posaune. Sollte da etwa?

Prepper – das sind die auf alles Vorbereiteten mit dem Luftschutzkeller im Garten – an die Front. Graben wir uns auch ein Loch. Mitten im Mülheimer Ringlokschuppen. Doch da gießen sie lieber die Pflanzen. Kein Wunder, sind wir doch gerade mitten im Lutherjahr, und wenn der gewusst hätte, dass wegen der blöden Sonne die Welt unterginge, klar, der hätte gerade noch ein Apfelbäumchen gepflanzt, bevor alles den Bach runtergeht. Momentan boomt das Geschäft mit der Angst prächtig. Panik wohin man schaut. Doch Mutter (Erde) spricht: „Und die Erde wird der schönste Platz im All.“

Wer jetzt langsam den Faden verliert – nein mit den Nornen hat das „Theater der Sorge“ jetzt nichts zu tun – braucht sich nicht fürchten: Der Komet schlägt während der Theaterperformance definitiv nicht ein. Es geht um das Theaterkollektiv EGfKA (Europäische Gemeinschaft für Kulturelle Angelegenheiten), das selbst ernannt postdramatische und klassische theatrale Formen mit entschiedenem gesellschaftlichem Engagement verbinden will. Im Ringlokschuppen spielen sie in „Anastrophe Now!“ mit Motiven aus Jura Soyfers Stück „Der Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang“ von 1936, aber auch mit zeitgenössischen Versatzstücken aus literarischen Dystopien, Hollywood-Klassikern und diversen Science-Fiction-Serien. Im Weltall fehlt es an Licht, und so beginnt alles dunkel zwischen den Sternen, die Anklage, der Komet, die Statements. Das erste Break ist eine Tanzeinlage roter Figuren, die mit einer leicht roboterhaften Choreografie die Bühne füllen. Diese Performance wandert durch die Welt, per Video an den Bühnen-Wänden ist zu sehen, dass sie überall gefilmt wurde, in den großen Metropolen, in einsamen Gegenden, auf Straßen und Plätzen – weltweit, sie alle sind mysteriöse rote Spieler­Innen, die zeigen, dass es auch ganz anders sein könnte. Die Erde wird zum Anastrophenschutzgebiet. Viele Statements wandern durch das Publikum, kommen aus dem Publikum, die Spieler sind im Publikum – das Publikum ist der von der Sonne ausgedachte Komet. Also doch kein Bakterium, diese dummen Kohlenstoff-Einheiten, mehr so Armageddon – ohne Bruce Willis. Das war mit dem Anthropozän doch anders gedacht, dachte ich, schließlich wurde dieses neue Erdzeitalter doch auf dem 35. Internationalen Geologischen Kongress in Kapstadt letztes Jahr bestätigt und ist für Mutter Erde eher eine Katastrophe.

In der Mitte der Bühne steht nun ein Haus für Pflanzen. „Ich habe kein Problem mit Kohle, wenn es den Pflanzen gut geht.“ Zwei Wölfe diskutieren derweil philosophische Ansätze zwischen Rhizom, mir fällt Gilles Deleuze aus den 1980ern wieder ein, und zeitgenössisches Urban Gardening. Alles im objekthaften Meister-Yoda-Sprachstil – auch dies eines der zahlreichen Filmzitate in der Stückentwicklung. Es ist der theoretische Versuch einer heute gestaltbaren Wendung zum Besseren, einmal aus dem Katastrophenszenario auszubrechen. Ob dafür die Pflanzen auf der Bühne das richtige Mittel sein wird, muss der Zuschauer am Ende selbst entscheiden. Die Wölfe schmeißen jedenfalls ihre Köpfe weg, die Tanzperformance beherrscht die Szenerie. Neue Ansätze des Zusammenlebens in Griechenland werden thematisiert, die Bewegung der roten Spieler weltweit, das Publikum wird in den Kreis gezogen, denn noch sind die Würfel nicht gefallen, der angekündigte Komet schon gar nicht. Denn der bringt es auch in Jura Soyfers Stück nicht übers Herz, das Heer der Dummheit auszulöschen. Die Reise ist vorbei, die Planeten-Klammer perfekt: „Aber wenn auch ob’n schon alles kracht, herunt’ is was, was mir noch Hoffnung macht.“ Johan Nestroy hat den Ausnahmezustand im Sonnensystem wohl schon in seinem Kometenlied von 1833 vorhergeahnt.

„Anastrophe Now!“ | R: Tina Turnheim & Co. | Sa 21.10.(WA) 20 Uhr | Ringlokschuppen Mülheim | 0208 99 31 60

Zur Person
Tina Turnheim (*1984 in Wien) ist Mitbegründerin des Berliner Kollektivs EGfKA, dessen Stücke gemeinschaftlich entstehen. Sie studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften und promoviert zur veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung von Zukunft.


Lesen Sie auch unser Interview mit Tina Turnheim aus der Juli-Ausgabe von trailer-ruhr.de: „Wir machen hier kein Katastrophenstück“

PETER ORTMANN

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