Am Anfang stand das Chaos und dem widmet sich das Theater in Mülheim an der Ruhr in dieser Spielzeit als erstes. TRAILER sprach darüber mit dem Künstlerischen Leiter und Dramaturgen Sven Schlötcke.
trailer: Der Begriff Chaos als Titel eines Programms, erzeugt das nicht mehr Chaos im Theater als notwendig?
Sven Schlötcke: Erst einmal ist Chaos natürlich eine grundsätzliche Voraussetzung für Kunst. Wenn wir den Zufall nicht hätten, würden wir nur langweilige Sachen machen. Wenn ich allerdings auf die Welt schaue ist das natürlich anders: Die Welt löst sich gerade auf, Ordnungen lösen sich auf, Gewissheiten lösen sich auf. Das macht den Menschen Angst; sie fühlen sich unsicher. Und das führt, vielleicht gar nicht so absurd, zu einem Ruf nach Ordnung und Klarheit. Daraus entstehen grundsätzlich eher konservative Positionen. Ich will das gar nicht auf die AfD oder die globalen rechtspopulistischen Bewegungen reduzieren, denn das zieht sich auch durch andere gesellschaftliche Bereiche und politische Strömungen.
Stärkerer Nationalismus, der Ruf nach starken Männern, die Wiederherstellung konservativer Geschlechterrollenbilder und viele weitere Entwicklungen sind für viele Menschen schlüssige Antworten auf die zunehmenden Unsicherheiten der Welt, in der die bisherigen Verfasstheiten – z.B. unserer Demokratie und Ökonomie – für viele keine vertrauenswürdigen Zukunftsversprechen mehr bereit halten. Man ist versucht sich in dieser Zwischenzeit, in der noch keine stabilen neuen Ordnungen entstanden sind, durch Rückbesinnung zu orientieren, was sehr nachvollziehbar ist. Wir befinden uns historisch in einer Situation, von der ich gar nicht dachte, dass ich sie in meinem Leben nach dem Fall der Mauer ein zweites Mal erleben würde. Eine Zeit, in der eine Ordnung und deren Gewissheiten langsam, aber sicher erodieren. Noch ist unklar, was daraus erwächst. Aus unserer Sicht, und so haben wir das Programm gebaut, ist Chaos eine sehr dialektische Denkfigur und da ist dann auch der Bezug zum Theater und zur Kunst. Zudem ein tolles Wort.
Eine Heilung vom aktuellen Wahnsinn scheint es aber nicht zu geben, wie man im Büchner-Fragment „Lenz“ vermuten kann?
Ein Heilsversprechen ist ja immer falsch. Heilsversprechen haben uns noch nie weitergebracht und werden uns auch in Zukunft nicht weiterbringen. Was sehen wir z.B. bei Büchner? Der Abend handelt nicht nur von Büchners Lenz-Erzählung, sondern auch von Büchners Figuren, seinem Denken und seiner Denkwelt. Büchner war ein sehr unbequemer, denkender Mensch, der an den Grundfesten der damals existierenden Ordnung gerüttelt hat. Gleichzeitig gerät die Figur Lenz in einen inneren Strudel. Insofern ist uns diese Figur vielleicht besonders nahe. Sie weiß nicht mehr genau: Ist das die Wirklichkeit oder Traum? Die Gedanken überschlagen sich und rasen. So geht es gerade vielen Menschen. Die großartige Eva Mattes ist übrigens auch wieder mit dabei. (Das brauchen wir!)
Sind Ionescos „Nashörner“ vielleicht auch eine Antwort auf das Wahlverhalten der Jugendlichen bei den letzten Landtagswahlen, vielleicht als Lehrstück?
Das kann man so interpretieren, das überlasse ich aber den Zuschauerinnen und Zuschauern. Lehrstück würde ich nicht sagen. „Die Nashörner“ sind ein Beitrag unseres Jungen Theater Labors mit Jugendlichen. Sie haben sich selbst in Auseinandersetzung mit dem Thema Chaos für diesen Stoff entschieden, was ich sehr interessant finde. Bei dieser Chaos-Insel haben wir versucht, alle Bereiche einzubeziehen, die das Theater bearbeitet. Genauso gibt es z.B. einen Beitrag der Volxbühne oder ein Projekt aus unserer Szene Istanbul. Es kommen also alle zu Wort. Es entsteht ein vielstimmiger Chor zu einem Thema.
Wie wichtig ist das Rahmenprogramm bei euch?
Sehr wichtig. Ich wehre mich allerdings gegen den Begriff „Rahmenprogramm“. Wir inszenieren damit das Theater themenbezogen als einzigartigen Raum des Zusammenseins, der sich verändert und überrascht, was allein schon durch unsere Ausstellungen und den Umgang mit Foyer und anderen Räumen geschieht. Hier kann man sich in aufgeladener Atmosphäre wohlfühlen und inspirieren lassen. Inhaltlich geht es um möglichst partizipative, kommunikative Formate, die bestimmte Linien im Programm verstärken oder überhaupt erst neue Perspektiven eröffnen. Unser Projekt Rage z.B.: „Rage“ ist ein Rechercheprojekt über weibliche Wut und über die konstruktive Kraft, die in einem solchen Gefühl stecken kann - kraftvoll, provokant und unterhaltsam. Wut wird meist negativ konnotiert. Auf der anderen Seite braucht es aber auch Entschiedenheit, um Veränderungen anzustoßen. Mit diesem Projekt verbinden wir dann andere Formate im „Rahmenprogramm“, wie einen Diskurs und einen Workshop oder machen assoziative Linien auf, z.B. mit „Wind of Change“, einer einzigartigen Mischung aus Performance und Comedy über die Wechseljahre. So entsteht ein sehr vielfältiger, schillernder Blick auf das Thema mit Angeboten für viele unterschiedliche Menschen und gleichzeitig eine konsequent komplexe Themenbetrachtung.
Von der Chaostheorie bis zur Machtergreifung der künstlichen Intelligenz: Wer glaubt in diesem Zusammenhang noch Expertinnen und Experten wie Ranga Yogeshwar?
Glauben muss ich ja niemandem. Ranga Yogeshwarhaben wir eingeladen, weil ich jemanden gesucht habe, der in der Lage ist, die naturwissenschaftliche Perspektive auf die Chaostheorie als Denkfigur zu vermitteln, auch mit Blick darauf, inwiefern sie auf die Gesellschaft anwendbar ist. Und er kann das so erzählen, dass Menschen es verstehen. Er erweitert das natürlich, weil er die Chaostheorie auf die gegenwärtigen Entwicklungen anwendet und das knüpft in gewisser Weise wieder an das Stück „Galilei“ an. Da gibt es eine starke Verbindung. Was passiert in „Galilei“? Eine Erkenntnis stellt die bestehende Ordnung komplett infrage. Wenn wir diese Erkenntnis zulassen, wo wohnt dann Gott? Ohne Himmel funktionieren ja die ganzen Machtmechanismen nicht mehr. Deshalb sagen die Leute in „Galilei“ sinngemäß: Für unsere Handelsschiffe und unseren Profit können wir diese Erkenntnis gut gebrauchen, aber als allgemeine Theorie dürfen wir sie nicht diskutieren, denn dann bricht hier alles zusammen.
CHAOS 1 | 06.11. - 12.12. | Theater an der Ruhr, Mülheim | Infos: 0208-599 01 88
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