Im Jahr 2019 feiern gleich zwei Geburtstagskinder ihren hundertsten Gebutstag: Die Essener Volkshochschule und das Bauhaus. Die zwölf Quadrate, die seit 50 Jahren das Markenzeichen der Volkshochschule Essen sind, wurden ebenfalls vom Bauhaus-Stil inspiriert. Im Gespräch verraten die dafür verantwortlichen GrafikerInnen, was hinter dem Logo steckt.
trailer: Es war ja eine turbulente Zeit: Wie sehr hat der „Geist“ der 68er eine Rolle gespielt, mit diesem Signet auch die Idee von Demokratisierung und Diskurs zu illustrieren?
Gerulf Morgenstern-Hübner (GMH): Das war für uns eine ganz wichtige Angelegenheit. Von außen spürten wir, dass es manchen zu progressiv war, was wir entworfen haben. Uns ging es darum, auch Widerworte zu bringen und aus dem Rahmen zu fallen in dieser wohlsortierten Ordnung.
Bei den Plakaten ging es um Marx, Ohnesorg und Co. Alles sehr konkret. Wie kam es schließlich zu der abstrakten Form der Signets?
Elga Morgenstern-Hübner (EMH): Gerade in den ersten Semestern experimentierten wir mit Formen. Etwa mit geometrischen Elementen oder Schrift. So wurde einem das quasi gelehrt. Und natürlich die Erkenntnis, dass es augenfällig sein muss. Es darf nicht zu kompliziert sein.
GMH: Auf das Label kommt es an. Man soll sich einfach wiederfinden. Aber nicht so, dass man es verballhornt oder überzeichnet. Das Zeichen muss Lockerheit haben und einen ansprechen. Und da ist viel Herzblut von uns mit eingeflossen, um das hinzubekommen. Manchmal haben wir uns von wunderschönen Ideen verabschiedet, weil wir der Meinung waren, die Verwechselbarkeit mit anderen Branchen ist zu groß.
Wie waren in diesem Fall die Anforderungen beim VHS-Logo?
EMH: Gar keine. Ganz frei. Irgendwie war es gut, dass wir darauf gekommen sind.
Aber es gibt bei solchen Projekten doch sicherlich einen Diskussionsprozess zwischen Ihnen beiden...
EMH: Manchmal fängt der eine an und der andere kommt dazu und sagt: Nee, das muss aber so und so aussehen. Oder einer gibt die Vorlage, damit der andere weiterspinnen kann.
GMH: Meist haben wir ein „ausgeglichenes“ Eheleben, weil wir unsere ganzen Aggressionen im Beruf austragen.
EMH: Aber ab und zu gefällt es nicht, was der andere da macht.
GMH: Zuhause werden die Diskussionen dann eben weitergeführt. Manchmal ist man auch verletzt. Das gehört dazu...
EMH: ...wenn der Andere die Arbeit „abschmettert“....
GMH: Die Lage hat sich in dem Sinne verschärft, da wir in unserem Atelier noch zwei Kolleginnen haben, die volles Mitspracherecht haben.
EMH: Es gibt auch keine Schonung, denn es geht um das Projekt und die Idee.
So wie etwa bei der prägnanten Waffel als Variante des VHS-Logos, die man ja etwa als „Bildungshunger“ interpretieren könnte...
GMH: Das war damals mehr oder weniger ein Gag. Auch das Spiel mit dem Essen. Trotzdem haben wir gesagt: Das bringen wir. Und „Bildungshunger“ ist natürlich eine weitere schöne Ergänzung, wenn ich das jetzt höre.
Neben dem VHS-Jubiläum knüpfen ihre Signets ebenso an das 100-jährige Bauhaus-Bestehen an. Wie sehr beeinflussen die AvantgardInnen von einst Sie heute noch?
EMH: Ich bin durch die Künstler vom Bauhaus inspiriert. Gerade von denjenigen aus den Niederlanden: Das sind meine Top-Favoriten im Design. Die klare Formensprache im niederländischen Design bewundere ich und ist auch ein Vorbild für mich.
GMH: Das Wesentliche war ja diese absolute Reduktion...
EMH: ...und das in vielen Bereichen: Architektur oder Möbel, Grafik- und Schriftdesign.
Also, diese Linie, die an Kandinsky, Klee usw. anknüpft?
GMH: Ja. Das ist toll. Es zeigt wiederum, dass das nur ein Haufen „Besessener“ bringen kann. Und das meine ich positiv: Die haben sich abgesetzt und gesagt, das ist mir völlig egal. Solche Situationen findet man ja nicht nur in der darstellenden Kunst, sondern auch etwa beim Jazz. Diese Jungs haben das ja damals in kleinen Cafés gespielt, weil sie von dieser Musik besessen waren. So was nötigt mir wirklich höchsten Respekt ab. Da kriege ich schon wieder Gänsehaut, wenn ich daran denke.
Das Motto des VHS-Jubiläums lautet „Aufbrüche“. Auch für sie als KünstlerInnen ein Thema?
EMH: Wir müssen immer wieder neu aufbrechen. Aufbruch heißt, erneut neue Ideen zu haben und die eigenen alten in Frage zu stellen. Um uns herum sieht man, dass Gestaltung und Formensprache sich ändert. Nur zum Beispiel: Die Italiener, die haben ein tolles Lampen- und Möbeldesign. Es wird nachgebaut von irgendwelchen Billigfirmen und sie verunstalten so das ursprüngliche gute Design. Es sieht dann zwar noch ein bisschen danach aus, aber es ist einfach nicht mehr schön.
Klingt, als würden Marktmechanismen die künstlerische Freiheit einschränken...
EMH: Wenn man auf´s Bauhaus und seine Zeit zurückblickt, sieht man, dass es Multikünstler waren. Es war toll, dass sie die Möglichkeiten hatten, so vielseitig zu arbeiten. Heutzutage werden Designer selten so vielseitig tätig sein können. Alles ist zu sehr spezialisiert – vor allem in den großen Werbeagenturen. Nur wenige sind „die“ großen Kreativen.
GMH: Vor meinem Examen riet mir ein Dozent: „Gehe nie in eine Agentur!“ Ich guckte ihn nur an, ich kannte ja seine Tendenz. Dann sagte er: „Du gehst da kaputt!“
EMH: Wir hätten schwer ins Agentur-System reingepasst. Als externes Kreativteam haben wir zwar immer wieder Illustrationen und Designarbeiten für Agenturen geliefert. Wir hatten jedoch Schwierigkeiten, da meist irgendwelche Vermittler oder Marketing-Leute unsere Ideen weitergaben, die den Kunden wohl nach dem Mund redeten und wir so schwer mit unserer Arbeit durchkamen. Es war immer besser, wenn wir dem Kunden gegenüber saßen und selber argumentieren konnten.
So wie damals, als sie das VHS-Logo entwarfen?
EMH: Ja. Genau so
Elga Hübner (geb. 1945 in Essen) und Gerulf Morgenstern (geb. 1943 in Löbau, Sachsen) lernten sich während ihrer Zeichnerlehre kennen. Nach dem sie mit politischen Plakaten für die 1968er-Bewegung auffielen, erhielten sie den Auftrag für die Titelgestaltung der VHS. Schon während ihres Studiums,1968, gründeten sie ihr Grafikstudio HÜGEMO in Essen.
Zur Ausstellung: Die Volkshochschule Essen zeigt einen Querschnitt der rund 50 Markenzeichen, Bildlogos oder Wortbildmarken von Elga und Gerulf Morgenstern-Hübner. Die Ausstellung läuft noch bis zum 29.3. Der Eintritt ist frei. Mehr Infos unter: bauhaus100.de
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