Maik hat Ferien und sturmfreie Bude. Nicht zufällig. Seine Mutter ist in der Entzugsklinik, der Vater mit der Geliebten unterwegs. Immerhin haben sie ihm 200 Euro dagelassen. Eher widerwillig geht er mit dem sonderbaren Tschick auf eine surreale Reise im geklauten Lada. Kein Wunder also: Das Roadmovie ist seit 2010 ein Dauerbrenner auf deutschen Jugendbühnen. Jetzt wurde es natürlich auch für das diesjährige NRW-Spielarten Festival 2014 ausgewählt, in der Inszenierung von Frank Hörner vom Theater Kohlenpott Herne. Auf insgesamt zwölf Bühnen in acht Städten in NRW werden elf herausragende freie Kinder- und Jugendtheaterproduktionen gezeigt, ausgesucht von einer Jury. Gemeinsam, aber dezentral touren die Stücke durch die freien Theater an Rhein und Ruhr.
„Tschick“ nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf ist sicher eher was für ältere Jugendliche, aber die Jüngeren kommen nicht zu kurz. Das Theater Marabu aus Duisburg zeigt „Die Bremer Stadtmusikanten“. Wie wir wissen, sind die in die Jahre gekommen, ausgebrannt, klapperig und scheinbar überflüssig. Aber statt B.O.S. oder Notschlachtung rocken die Vier lieber die Hansestadt. Rüdiger Pape erzählt das Grimmsche Märchen locker und leicht anhand von Fragen nach dem Zwang zur Effektivität und nach Wert und Würde von Mensch und Tier jenseits der Arbeit (ab 8 Jahre).
Viel nachdenklicher ist „Papas Arme sind ein Boot“ von Stein Erik Lunde und Øyvind Torseter (ab 5 Jahren) Der Verlust der Mutter wird da mit Hilfe von viel Papier, Musik und Video als performativ-theatraler Entdeckungsparcours verarbeitet. Beim Westwind Festival Kinder und Jugendtheatertreffen zeichnete die Jury die Inszenierung von Pulk Fiktion (eine Produktion in Koproduktion mit dem Comedia Theater Köln und dem Jungen Ensemble Stuttgart (JES)) bereits im Mai mit dem 1. Preis aus. Eines der wichtigsten Ziele des Festivals ist es, das junge Publikum mit dem Medium Theater vertraut zu machen. Seit 1995 wird es vom Land NRW als Modellprojekt gefördert. Das liegt sicher auch an der Bandbreite der aktuellen Fragen und der Möglichkeit, hier auch neue Theaterformen zu entdecken.
Wie wäre es mit einem Stück über die Frage: Was ist typisch Junge? Was ist typisch Mädchen? Das Kölner Casamax Theater zeigt in Bergheim, Duisburg und Mönchengladbach „Als Louisa plötzlich Louis war“ (für alle ab 5 Jahren!). Die wacht nämlich morgens auf und ist plötzlich ein Junge. Sogar ihr Vater redet sie nur noch mit Louis an. Doch dann trifft sie in ihrem Geheimversteck Johann – oder eigentlich eher Johanna.
Auch Robinson Crusoe von der Düsseldorfer Formation Subbotnik tauscht die Blickwinkel. In ihrer Tanzperformance ist Freitag die zentrale Figur. Sie fragen, wie der sich fühlt, schließlich ist es ja sein Zuhause, das der Überlebenskünstler Robinson für sich in Anspruch nimmt. Subbotnik erzählen mit Live-Musik, Choreografie und skurrilen Puppen von einer Welt, in der die wirklichen Abenteuer erst beginnen, wenn die Stürme sich gelegt haben.
NRW-Spielarten Festival 2014 | 1.9.-2.12. | Bergheim, Düsseldorf, Duisburg, Herne, Köln, Mönchengladbach, Pulheim und Viersen | www.spielarten-nrw.de
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