Prüde war die Bohème der 1950er in Paris und New York sicher nicht, wenn auch Kenneth van Sickles (geb. 1932) Fotografien über Feste, Orgien und schläfriges Beisammensein im puritanischen Resteuropa eher Proteststürme der Sittenwächter ausgelöst hätten. Damals fand der gesellschaftliche Existenzialismus eben hinter verschlossenen Türen statt. Der junge amerikanische Fotograf durfte sie durchschreiten und lichtete in schönem Schwarzweiß die unerhörte Atmosphäre der Lebedamen und -herren, die auch vom damals stark aufkommenden Jazz beeinflusst waren. Van Sickle, der als Student bei George Grosz erst das Zeichnen und dann die Fotografie entdeckte, ist in den USA bekannt und wurde durch die Jahrzehnte vielfach ausgestellt. Seine Arbeiten sind auch in der fotografischen Sammlung des Museum of Modern Art (MoMA) vertreten.
Zurzeit zeigt die kleine Essener Galerie zone E einen Rückblick auf das über 50jährige Schaffen des New Yorker Fotografen und Filmemachers. Miniretro nennt man das in den neun Quadratmetern nicht weit vom Folkwang Museum. Zu sehen gibt es neben viel nacktem Fleisch aber auch Architektur und Farbaufnahmen jüngeren Datums, die den Schwarzweiß-Aufnahmen der fünfziger Jahre, der Beatgeneration-Ära und den psychedelischen Fotomontagen aus den siebziger Jahren gegenüberstehen.
In Deutschland istKenneth van Sickle kaum bekannt, obwohl er auch an zahlreichen Filmen verschiedener Genres mitwirkte. Unter der Regie von Robert Frank entstand der Film „OK End Here“ (1963), „Marjoe“ (1972) unter der Regie von Howard Smith und „Hester Street“ (1975) unter der Regie von Joan Micklin Silver. Doch seine Liebe gehört bis heute der Leica. Für seine Serie „Redscape“ schraubte er 2005 einen roten Filter davor, erzielte damit monochrome Effekte für Landschaftsfotografien, die so auch die dokumentarische Ebene verließen und die innere Befindlichkeit des Künstlers widerspiegelten. In den letzten Jahren hat van Sickle viel mit der Farbfotografie experimentiert. In Essen hängen die rund 30 Arbeiten aber ohne direkten seriellen Zusammenhang zusammen im Raum. Eine Miniretro und eine wirkliche Übersichtsschau des unbekannten Fotografen eben.
„Photo Recall“ I bis 18.9. I Galerie zone E, Essen I 0170 463 09 53
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Hangover mit Schafen
Ragnar Kjartansson in Recklinghausen – Ruhrkunst 07/26
Potenzial der Farben
Die Sammlung der Werner Richard – Dr. Carl Dörken Stiftung im Märkischen Museum Witten – kunst & gut 07/26
„Ein Meister des Marketings“
Die Kuratorinnen Anna Brohm und Sonja Pizonka über „Ich, Gustave Courbet“ in Essen – Sammlung 07/26
Aus Papier wird Raum
Michael Beutler in Gelsenkirchen – Ruhrkunst 06/26
Junger Osten
„Die Kids sind nicht alright!“ im Bochum MuT – Ruhrkunst 06/26
Materie und ihre Energie
Anish Kapoor im Lehmbruck Museum Duisburg – kunst & gut 06/26
„Eine ganz eigene Form von Kunst“
Museumsdirektor Nico Anklam über „Sunday Without Love“ in der Kunsthalle Recklinghausen – Sammlung 06/26
Kreislauf des Alltäglichen
Yuko Mohri, Ei Arakawa-Nash und die Sammlung von Inge Baecker im Kunstmuseum Bochum – kunst & gut 05/26
Globales Waldbaden
„Mythos Wald“ im Gasometer Oberhausen – Ruhrkunst 05/26
Schrott im Museum
Ausstellung über Abfallentsorgung im Dortmunder U – Ruhrkunst 05/26
„Zurücklehnen und staunen“
Kurator Christian Höher über „Origins – Die Schönheit des Lebens“ im Wuppertaler Visiodrom – Interview 05/26
„Lebensverläufe, die wenig Beachtung gefunden haben“
Kuratorin Meta Marina Beek über „Die Kids sind nicht Alright!“ im Bochumer MUT – Sammlung 05/26
Subtil belichtet
Johanna von Monkiewitsch im Essener Kunstverein Ruhr – Ruhrkunst 04/26
„Klick!“, sagte die Kamera
Fotobücher für Kinder im Essener Museum Folkwang – Ruhrkunst 04/26
„Sie pendelte zwischen den Extremen“
Kuratorin Christine Vogt über die Ausstellung „Anja Niedringhaus“ in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen – Sammlung 04/26
Bilder, die aus der Fläche wachsen
Gerhard Hoehme im Museum Küppersmühle in Duisburg – kunst & gut 04/26
Pop, provokant
„German Pop Art“ in Oberhausen – Ruhrkunst 03/26
Lebenswerk in Farbe
Rupprecht Geiger in Hagen – Ruhrkunst 03/26
Wort zu Bild
Natalie Czech im Kunstmuseum Mülheim – kunst & gut 03/26
„Technologie radikal anders denken“
Direktorin Inke Arns über „Robotron“ im HMKV im Dortmunder U – Sammlung 03/26
Geschmacksachen
„Mahlzeit!“ im LWL-Museum in Herne – Ruhrkunst 02/26
Ästhetische Verwandtschaften
„Affinities“ in der Kunsthalle Recklinghausen – Ruhrkunst 02/26
Fotografie in bewegten Zeiten
Germaine Krull im Museum Folkwang in Essen – kunst & gut 02/26
„Sie wollten Kunst für alle machen“
Kuratorin Sarah Hülsewig über „German Pop Art“ in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen – Sammlung 02/26
„Die Guerrilla Girls sind mit der Zeit gegangen“
Kuratorin Nicole Grothe über die Ausstellung der Guerilla Girls im Dortmunder Museum Ostwall – Sammlung 01/26