Eine Frau greift nach der Macht, sie will nach ganz oben: Poppea setzt alles daran, um Kaiserin von Rom zu werden, und kämpft mit den Waffen, die ihr als Frau in einer von Männern bestimmten Gesellschaftsordnung zur Verfügung stehen. Mit Intelligenz und Verführungskunst gelingt es ihr, die Geliebte Kaiser Neros zu werden. Sie macht ihn hörig, bringt ihn dazu, Recht und Gesetz zu brechen, damit er sie am Ende zu sich auf den Thron hebt. Und er geht ohne Skrupel darauf ein.
Spektakuläre und skandalträchtige Geschichten rund um die Schönen und die Mächtigen ziehen sich quer durch die Geschichte, man denke nur an Monroe, Evita oder Callas. Nur wenigen Frauen ist es gelungen, die Mächtigen an sich zu binden und an ihrer Seite zu bestehen, viele Stars und Starlets sind verbrannt. Aber Poppea schafft es, in einem Intrigenspiel auf Leben und Tod die Macht zu ergreifen. Und wie so oft schreibt die Wirklichkeit die besten Geschichten. Der Opernstoff ist dem 13. und 14. Buch der Annalen des römischen Geschichtsschreibers Tacitus entnommen. Im Mittelpunkt steht der für seine Grausamkeit bekannte römische Kaiser Nero (54-68 n. Chr.), der im Jahre 59 seine Mutter und nur drei Jahre später seine Gattin Ottavia ermorden ließ, um noch im selben Jahr seine Geliebte Poppea Sabina zur Kaiserin zu machen.
Der Textdichter Busenello ging sehr frei mit den geschichtlichen Quellen um und hat das Herrscherbild weniger brutal gezeichnet: Als abschreckender Frauenmörder sollte Nero nicht in die Operngeschichte eingehen. Busenello ging es um eine spannende Intrigenhandlung, eine differenzierte Charakterzeichnung und den effektvollen Gebrauch von Theatermitteln, die er in den Dienst einer zeitgenössischen Herrschaftskritik stellte. Dekadenz und eine dreiste Selbstbedienungsmentalität bestimmen das politische Handeln der Mächtigen, das sich von jeglicher Ethik losgekoppelt hat. Insofern ist dieses Werk, das 1643 in Venedig uraufgeführt wurde, gerade heute aktuell und lässt uns in Monteverdis nuancierter musikalischer Gestaltung in die Abgründe der menschlichen Seele hören. In seiner theatralischen Totalität, die auch satirische Szenen umfasst, ist dieses Werk mit Shakespeare zu vergleichen.
Die Oper der frühen Barockzeit betrieb einen Kastratenkult, der noch heute ein Faszinosum darstellt, man denke nur an den Erfolg des Farinelli-Films. Die Rolle Neros war für einen Kastraten in Sopranlage komponiert, die Rolle Poppeas für einen Mezzosopran. Somit sang der Mann höher als die Frau! Die Reinheit einer Knabenstimme verband sich mit dem Stimmvolumen eines erwachsenen Mannes zu einem einzigartigen androgynen Klang, der die damaligen Zuhörer in Euphorie versetzte. Heute haben Countertenöre ihre Rollen übernommen, die sich diesem Klangideal annähern.
Monteverdi hat am Ende den Sieg Poppeas eindrucksvoll in Musik gesetzt. Vor den Konsuln und Tribunen, von Venus und Amor besungen setzt der Kaiser seiner Geliebten feierlich die Krone auf. Ein fragwürdiges Ende, angesichts der vielen Opfer, die diese Liebe gefordert hat, Recht und Gesetz sind auf der Strecke geblieben. Zustände wie im alten Rom, wäre da nicht noch die schwerelose, weltenthobene Musik des Schlussduetts, in dem das neue Herrscherpaar seine unsterbliche Liebe besingt und Mord und Todschlag vergessen lässt. Die Widrigkeiten der Welt sind aufgehoben – solange die Musik noch nicht verklungen ist.

L’incoronazione di Poppea (Die Krönung der Poppea): 16.10. I Oper Köln
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