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Fritz Winter, Ohne Titel, 1972, Öl auf Karton auf Leinwand, 43 x 61,3 cm, Stiftung WRT Dr. Weckerle
© VG Bild-Kunst, Bonn

Spiel der Farben

30. Dezember 2020

Fritz Winter im Emil Schumacher Museum in Hagen – kunst & gut 12/20

Farbe neben Farben: Das Zueinander von Farbbändern und Farbformen, welches die Malerei von Fritz Winter kennzeichnet, spiegelt sich in der Ausstellung in der Dichte der Hängung wider. Die Fülle an Bildern ist hier ein Glücksfall. Das Emil Schumacher Museum zeigt eine umfangreiche Werkübersicht zu Fritz Winter, der zu den bedeutenden abstrakten Malern des 20. Jahrhunderts gehört. In Hagen bietet sich die Gelegenheit, das Werk von seinen Anfängen bis zu Winters letzten Lebensjahren kennenzulernen. Jede neue Werkphase trägt zur Steigerung des Ausdrucksspektrums bei und führt zur weiteren Verdichtung. Fritz Winter ist ein Künstler, der höchst nuanciert mit Farben umgeht und sie nicht nur in die Fläche sondern auch quasi räumlich, in die Tiefe hinein komponiert hat.

Zwischen abstrakt und konkret

Winter (1905-1976) kommt aus der Tradition des Bauhauses, dem er im Grunde sein Leben lang verbunden bleibt. 1928-1930 studiert er in Dessau, schon wenig später nimmt er am Ausstellungsgeschehen teil. Viele seiner Werke weisen Beziehungen zu den Bauhaus-Lehrern auf. In den zeitweilig kleinteilig floralen Darstellungen erinnern sie an Paul Klee und in den kristallin transparenten Binnenformen an Lyonel Feininger. Wie diese Künstler wird er im Dritten Reich als „Entarteter Künstler“ diffamiert. Ab 1939 wird er zum Kriegsdienst an der Ostfront eingezogen. Zur Rekonvaleszenz zeitweilig wieder daheim am Ammersee, entwickelt er 1944 seine kleinformatige Serie „Triebkräfte der Erde“. Sie widmet sich dem Wachstum im Inneren der Erde und der Metamorphose der Pflanzen. Sie zeigt, dass es ihm um bewegte Übergänge und Verzweigungen zwischen abstrakt und konkret geht und sich im Ungegenständlichen bereits die Erscheinungen der Welt formulieren. All das steckt auch in seinem abstrakten, von der Farbe dominierten Werk nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem er weitere Anerkennung findet. Er wird zu den ersten drei documenta-Ausstellungen in Kassel eingeladen und als einer der Pioniere des Informel gewürdigt, auch wenn das nur begrenzt auf ihn zutrifft.

Die Welt anders sehen

Seine Werkgruppen beruhen auf vermeintlichen Gegensätzen. Fläche und Raum, Vorder- und Hintergrund treten gleichzeitig auf; Bewegung und Stillstand äußern sich in Unschärfen und gefestigten, kantigen Formen. Verschiedene Farbstimmungen treffen aufeinander. Die Ausstellung in Hagen ermöglicht es, die verschiedenen Werkphasen Bild für Bild zu erfassen. Um 1950 liegen schwarze Balken vor einem changierenden Farbgeschehen und erinnern selbst an Schriftzeichen. Später werden diese Gitter filigraner und verschwinden um 1960 ganz. Die Farbfelder fransen aus, zugleich bleibt der Pinselstrich erkennbar. Auf diesen Farbrausch lässt Winter allmählich Ordnung folgen, festgefügte Formen liegen voreinander. Dabei passiert etwas Erstaunliches: Durch Helligkeit und Leuchtkraft treten einzelne Partien in den Vordergrund, andere rücken in die Tiefe. Es gibt auch dunkle Bilder, die noch betonen, wie sehr Fritz Winter Stimmungen und Atmosphären zu erzeugen vermochte. Seine Malerei ist eine intuitive Forschung, wie sich Farben zueinander verhalten und wie man die Welt sinnlich, in ihrem Kolorit sehen, ja, empfinden kann.

Fritz Winter – Durchbruch zur Farbe | bis 31.1. | Emil Schumacher Museum Hagen | 02331 207 31 38

Thomas Hirsch

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